_

Proteste: Zorn gegen russische Krisenpolitik wächst

Im Kampf gegen die Wirtschaftskrise greift die russische Regierung zunehmend auf protektionistische Maßnahmen zurück. Doch dabei gerät sie immer stärker unter Druck: Tausende Unzufriedene demonstrierten in Moskau und 50 anderen Regionen des Landes gegen Rubelverfall, Preisanstieg und Massenentlassungen.

Polizisten nehmen in Moskau einen regierungskritischen Demonstranten fest. Foto: dpa Quelle: dpa
Polizisten nehmen in Moskau einen regierungskritischen Demonstranten fest. Foto: dpa Quelle: dpa

MOSKAU. Nach der Erhöhung der Importzölle für Autos sollen in Russland nun auch die Tarife für die Einfuhr bestimmter Lebensmittel und landwirtschaftlicher Maschinen steigen. Gleiches gilt für Stahlprodukte. Die Regierung will zudem eine Maut für ausländische LKW einführen. Beobachter in Moskau erwarten, dass weitere Schritte in diese Richtung folgen werden – obwohl sich Regierungschef Wladimir Putin auf seiner Eröffnungsrede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vergangene Woche deutlich gegen „Isolationismus“ ausgesprochen hatte.

Anzeige

Mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage wächst im Land auch das Potenzial sozialer Unruhen: Noch sind die Zustimmungsraten in der Bevölkerung für das Führungsgespann aus Kremlchef Dmitrij Medwedjew und Ministerpräsident Wladimir Putin zwar ungebrochen hoch, doch die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass sich dies auch schnell ändern könnte.

Eine erste sichtbare Welle der Unzufriedenheit war nach der Entscheidung der Regierung entstanden, die Zölle für den Import von Autos anzuheben, um die einheimischen Produzenten, deren Marktanteil bereits seit Jahren kontinuierlich schrumpft, in der Krise zu schützen. In mehreren Städten und vor allem in Russlands Fernen Osten, wo viele Jobs am Autoimport aus Japan hängen, waren Menschen auf die Straße gegangen. In Wladiwostok mobilisierte die Kommunistische Partei rund 2000 Menschen für eine Kundgebung. Um die Demonstration zu beenden, schickte die Regierung sogar Spezialeinheiten der Polizei aus Moskau.

Am Wochenende haben verschiedene Gruppen und Parteien, darunter auch die Kommunisten und die Oppositionsvereinigung „Anderes Russland“ zu Protesten und Versammlungen aufgerufen. In Moskau verhaftete die Polizei bei einer nicht genehmigten Veranstaltung über 40 Demonstranten. Zu Massenprotesten ist es zwar bisher nicht gekommen – Vereinigungen wie die Union der Autofahrer, die sich vor allem gegen die höheren Importzölle für PKW wehren, haben in der Vergangenheit aber immer wieder bewiesen, schnell eine Vielzahl von Demonstranten auf die Beine stellen zu können – sei es wegen hoher Benzinpreise oder der Privilegien von Staatsangestellten im Straßenverkehr.

Die Finanzkrise und hat das Land hart getroffen. Der Rubel hat im Zuge des Ölpreisverfalls rapide an Wert verloren, die Industrieproduktion dürfte nach einer Schätzung von HSBC in diesem Jahr um sieben Prozent einbrechen und die Arbeitslosigkeit ist binnen weniger Monate auf eine Dreijahreshoch von 7,7 Prozent geschnellt. Die Regierung erwartete inzwischen, dass die Wirtschaft nach Jahren des Wachstums um sieben Prozent in diesem Jahr um 0,2 Prozent schrumpfen wird. „Das russische Wirtschaftswunder hat viele angezogen, jetzt sieht es so aus, als sei es zusammengebrochen“, heißt es bei der Investmentbank Renaissance Capital in Moskau. Russlands Finanzminister Alexej Kudrin erwartet, dass in diesem Jahr rund 100 Mrd. Dollar aus dem Land abfließen werden.

  • Video

Politik Bundestag stärkt Organspende

Krankenversichterte ab 16 Jahren werden in Zukunft häufiger gefragt, ob sie Organspender werden wollen. Dieses Gesetz hat der Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet - und noch einige weitere Entscheidungen gefällt.

  • Die aktuellen Top-Themen
Die Linke: Ulrich Maurer greift Parteispitze an

Ulrich Maurer greift Parteispitze an

In der Linken mehrt sich der Protest gegen die Parteispitze und den Zustand der Partei. Fraktionsvize Ulrich Mauer fordert eine radikale Verjüngungskur - und mehr Frauen. Denn in diesem Punkt hapert es gewaltig.

Gastkommentar: Die CDU muss weiter nach links rücken

Die CDU muss weiter nach links rücken

Nach der NRW-Wahl muss die Union neue Prioritäten setzen: Sie muss auf die Sorgen der Menschen reagieren. Sonst verliert sie noch mehr Vertrauen - und ihren Status als Volkspartei.

Studie: Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Bei Übernahmeschlachten gewinnt der Verlierer

Wenn zwei Unternehmen um ein anderes streiten, bedeutet das oft nicht Gutes für den Gewinner. Denn bei Übernahmen können die Sieger die Erwartungen oft nicht erfüllen. Profiteur ist - der Verlierer.

Handelsblog Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder. Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem... Von Olaf Storbeck. Mehr…

Handelsblog Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich. Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird - weil die Mannschaft rund 30% mehr... Von Olaf Storbeck. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International