Protestkultur
Nicht mit meinem Land

Südkoreas Regierung und ihre Bürger sind tief gespalten, Protestaktionen gegen die politische Führung sowie Großunternehmen haben Tradition. Ob Straßenschlachten oder Selbstentzündungen: Nirgendwo demonstrieren Bürger aggressiver als in Südkorea. Die neueste Wutwelle richtet sich gegen den Freihandel – und die EU.

SEOUL. Heo Sae-Wook gießt sich aus der Plastikflasche Lösungsmittel über Haare, Schultern, Jacke. Das Feuerzeug des Taxifahrers klickt. Sofort steht der 54-Jährige in Flammen. Schreiend läuft er an einer Absperrung entlang die Straße hinunter. Die etwa 300 Demonstranten hinter ihm lassen ihre Plakate und Fahnen sinken.

Zwei Polizisten eilen herbei und löschen den brennenden Mann. Sirenen heulen, auf einer Trage schieben Sanitäter Heo Sae-Wook in einen Rettungswagen. Hinter der Absperrung erhebt sich das Hyatt-Hotel am Hang eines Berges – mit weitem Blick auf Südkoreas Hauptstadt Seoul. Dort drinnen verhandeln Spitzenbeamte der USA und Koreas letzte Details eines Freihandelsabkommens.

Aus Protest gegen diese Verhandlungen hatte sich Heo Sae-Wook angezündet. Das war am 1. April 2007.

In keinem anderen Industrieland werden politische Konflikte so häufig mit derart drastischen Protestaktionen ausgefochten wie in Südkorea. Die Front verläuft fast immer gleich: Regierung und Großunternehmen auf der einen stehen Gewerkschaften und Bürgergruppen auf der anderen Seite gegenüber. Und weil die vermeintlich schwächeren südkoreanischen Bürger einst lernten, dass Proteste viel bewirken können, versuchen sie es immer wieder.

In diesen Wochen rückt die Europäische Union ins Blickfeld der Protestbewegung. Erneut sind Südkoreas Regierung und Bürger tief gespalten: Soll das Land Freihandelsverträge mit großen Industriestaaten abschließen? Die EU-Kommission und die Regierung haben in Seoul gerade die sechste Verhandlungsrunde beendet (siehe: Der Vertrag) – das Abkommen mit den USA kam nach acht Runden zustande.

Seoul, vergangene Woche: Park Geun-Tae hockt am Boden, um ihn herum kauern Hunderte weiterer Demonstranten. Wenn die markigen Reden auf der Bühne einen Höhepunkt erreichen, reckt der 37-Jährige wie alle anderen die Faust zum Gewerkschaftsgruß. Park Geun-Tae ist Vizepräsident von Südkoreas Metallarbeitergewerkschaft, dem Pendant der deutschen IG Metall. Südkoreas Metaller lehnen den Freihandelsvertrag mit der EU ab, und Park Geun-Tae ist einer der Anführer ihres Protestes.

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