Provokationen verhindern Regierungsbildung
Belgien ist im Sprachenkrieg

Ein Land, zwei Sprachen: In Belgien blockiert der niederländisch- französische Sprachenstreit mit immer neuen Provokationen weiter die Bildung eines neuen Kabinetts. Am Mittwoch war das Land bereits 108 Tage ohne mehrheitsfähige Regierung.

HB BRÜSSEL. Ein Land ringt um seine Identität: Belgische Zeitungen veröffentlichten am Mittwoch eine Studie, wonach im überwiegend frankophonen Brüssel inzwischen mehr Menschen Englisch sprechen als Niederländisch. Die niederländisch sprechenden Flamen bleiben aber die größte Sprachgruppe des Königreichs vor den französisch sprechenden Belgiern. Deutsch als Muttersprache hat nur eine kleine Minderheit von rund 70 000 Menschen im Osten des gut zehn Millionen Einwohner zählenden Landes.

Der Sprachen-Konflikt wird auch im Parlament ausgetragen, das am 10. Juni neu gewählt worden war. Dort brachten niederländisch und französisch sprechende Politiker jetzt gegensätzliche Anträge zur Neuordnung der Sprachgrenzen rund um Brüssel ein. Die flämischen Parteien wollen den Wahlbezirk Brüssel- Halle-Vilvoorde aufspalten, um die mehrsprachige Hauptstadt klarer vom flämisch geprägten Umland abzugrenzen. Die frankophonen Sozialisten streben hingegen eine Ausweitung der Hauptstadtregion an, um Nicht-Flamen im Umland das Leben zu erleichtern. Die frankophonen Liberalen unterstützen diesen Plan.

Grundsätzlich streben die Flamen eine größere Eigenständigkeit ihrer Region an. Die frankophonen Parteien sind dagegen, weil sie Nachteile für die wirtschaftlich schwächere Wallonie befürchten. Wahlsieger Yves Leterme von den flämischen Christdemokraten konnte seine Vorstellungen in den Koalitionsgesprächen deshalb nicht durchsetzen. König Albert II. entband Leterme daraufhin von seinem Auftrag zur Regierungsbildung und setzte dessen Parteifreund Herman Van Rompuy als Vermittler ein. Auch Von Rompuy hat bisher keine spürbare Annäherung erreicht.

400 bekannte Belgier vom Schriftsteller Hugo Claus bis zur Leichtathletin Kim Gevaert unterzeichneten eine Petition gegen die Spaltung Belgiens. Sie fordern den Erhalt der Solidarität zwischen den Landesteilen. Unterdessen enthüllte die Zeitung „Het Laatste Nieuws“ ein pikantes Detail aus der Familie des flämischen Nationalisten Bart De Wever. In den Koalitionsgesprächen wollte De Wever erreichen, dass Arbeitslose in der Wallonie nicht mehr auf Kosten Flanderns unterstützt werden. Die arbeitslose Schwester der Politiker lebe aber in der Wallonie, berichtete das Blatt.

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