Prozess im Bagdad
Saddam Hussein tobt vor Gericht

Nach wiederholtem Boykott des Verfahrens ist der irakische Ex-Machthaber Saddam Hussein unter Zwang dem Sondertribunal in Bagdad vorgeführt worden. Er und seine Mitangeklagten störten daraufhin den Auftakt des Prozesstages mit lautstarken Zwischenrufen und Beschimpfungen des Gerichts.

HB BAGDAD. „Das ist kein Gericht, das ist ein Spiel“, brüllte Saddam zum Höhepunkt seiner Tiraden. Er und sein Halbbruder Barsan al-Tikriti unterbrachen den Vorsitzenden Richter Rauf Abdel Rahman immer wieder, als dieser versuchte, den Prozesstag zu eröffnen. Saddam schimpfte, er sei unter Zwang in den Gerichtssaal gebracht worden und forderte von dem Richter: „Machen Sie von Ihrem Recht Gebrauch und verurteilen Sie mich in Abwesenheit!“ Al-Tikriti weigerte sich schließlich, auf seinem Stuhl Platz zu nehmen, und setzte sich unmittelbar davor mit dem Rücken zum Gericht auf den Boden.

Auch zwei Vertraute Saddams wurden nach eigenen Worten zwangsweise als Zeugen vorgeführt. Beide verweigerten die Aussage. Ahmed Chudajir, Saddams ehemaliger Bürochef, der als erster Zeuge am Montag aussagen sollte, sagte: „Ich akzeptiere es nicht, hier als Zeuge vorgeladen zu werden.“ Er sei mit verbundenen Augen und Handschellen zum Gericht gebracht worden. Chudajir bestand darauf, Saddam weiterhin als Präsidenten des Iraks zu bezeichnen und erklärte, sich an nichts erinnern zu können. Er ist neben anderen hochrangigen Vertretern des Saddam-Regimes vorgeladen. Auch der zweite Zeuge des Prozesstages, Hassan al-Obeidi - Geheimdienstdirektor von 1980 bis 1991 - sagte nicht aus.

Die Staatsanwaltschaft will nachweisen, dass die Befehlskette im angeklagten Fall bis hinauf zu Saddam und seinen sieben Mitangeklagten reichte. Ihnen wird vorgeworfen, 1982 in einem Racheakt in dem Dorf Dudschail bei Bagdad mehr als 140 Schiiten getötet zu haben. Der Anklage zufolge wurden zudem hunderte von Frauen und Kindern aus dem Ort jahrelang in Internierungslagern in der Wüste festgehalten. Bei einer Verurteilung droht Saddam die Todesstrafe.

Saddam hat auch die bisherigen Prozesstage dazu genutzt, mit Zwischenrufen und lautstarker Kritik den Verlauf des Verfahrens zu stören. Abdel Rahmans Vorgänger im Vorsitz des Tribunals zog sich von der Aufgabe zurück, als die Vorwürfe lauter wurden, er lasse dem ehemaligen Machthaber zu viel Spielraum. Der neue Vorsitzende schlug daraufhin einen härteren Ton gegenüber den Angeklagten an. In der Folge begannen diese, die Verhandlung zu boykottieren. Die Staatsanwaltschaft erklärte zuletzt jedoch, ihr gehe die Geduld mit den Angeklagten aus und sie werde deren Teilnahme erzwingen.

Das Sondertribunal wird von der schiitisch-kurdischen Regierung und von den USA als wichtiger Schritt betrachtet, um die Verbrechen Saddams aufzuarbeiten und vor allem die jahrzehntelange Unterdrücken von Schiiten und Kurden im Land zu sühnen. Rechtsexperten haben allerdings davor gewarnt, dass die schwierige Sicherheitslage im Land und die mangelnde Internationalität des Verfahrens dessen Neutralität beeinträchtigen könnten.

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