Prozess in Madrid wegen der Terrorangriffe vom 11. September
El-Kaida-Terroristen sollen 62 000 Jahre in Haft

Der Vorwurf der Madrider Staatsanwaltschaft gegen 24 Männer wiegt schwer: Sie sollen an den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon am 11.September 2001 mitgewirkt haben. Der Prozess startet am heutigen Freitag.

Madrid (dpa) - Wenn es nach dem spanischen Ermittlungsrichter Baltasar Garzón gegangen wäre, säße auch Osama bin Laden auf der Anklagebank. Aber der Chef des Terrornetzes konnte nicht gefasst werden - ebenso wenig wie ein Dutzend weiterer Verdächtige, gegen die der Star-Jurist ermittelt hatte.

Die Hauptfigur fehlt also im großen Madrider El-Kaida-Prozess, der an diesem Freitag in Madrid eröffnet wird. Aber immerhin werden sich 24 mutmaßliche Mitglieder der Organisation wegen der Anschläge vom 11. September 2001 in den USA vor Gericht zu verantworten haben.

Der Prozess dürfte weltweit der erste sein, bei dem eine größere Gruppe von Angeklagten wegen der Anschläge auf das World Trade Center (WTC) und das Pentagon zur Rechenschaft gezogen wird. In den USA ist bislang ein Franzose marokkanischer Abstammung der einzige, der wegen der Terrorakte angeklagt ist.

Der Hauptangeklagte im Madrider El-Kaida-Prozess ist der Syrer Imad Eddin Barakat Yarkas alias „Abu Dahdah“. Er war laut Anklage der Chef der El-Kaida-Niederlassung in Spanien. Dem Textilhändler mit spanischem Pass wird zur Last gelegt, den „Terroristen-Gipfel“ im Juli 2001 bei Tarragona organisiert zu haben. Bei dem Treffen sollen der Anführer der Selbstmordterroristen, Mohammed Atta, und der mutmaßliche Chefplaner Ramzi Binalshibh die letzten Details für die Anschläge festgelegt haben.

Ein Landsmann von Abu Dahdah hatte nach der Anklageschrift Videofilme vom WTC, dem New Yorker Flughafen und anderen symbolträchtigen Gebäuden in den USA aufgenommen. Der Marokkaner Driss Chebli soll ein Vertrauensmann von Abu Dahdah gewesen sein und auch an den Planungen für die Madrider Attentate vom 11. März 2004 beteiligt gewesen sein.

Für diese drei Männer fordert die Staatsanwaltschaft jeweils mehr als 62 000 Jahre Haft. Sie geht davon aus, dass am 11. September „etwa“ 2500 Menschen getötet wurden, und verlangt für jeden „Terrormord“ 25 Jahre Haft. Im Grunde, so betonte die Presse, hätte die Anklagebehörde über 74 000 Jahre Haft fordern müssen, weil nach der offiziellen Bilanz bei den Anschlägen - neben 19 Terroristen - 2973 Menschen ums Leben kamen. Bei einer Verurteilung müssen die Angeklagten aber ohnehin höchstens 30 Jahre Haft verbüßen.

Für die übrigen 21 mutmaßlichen Islamisten verlangt die Staatsanwaltschaft 9 bis 27 Jahre Haft wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sie sollen El Kaida finanziell unterstützt oder für die Organisation Nachwuchs angeworben haben. Unter den Angeklagten ist auch der frühere Starreporter Taisir Aluni vom arabischen TV-Sender El Dschasira. Er hatte nach dem 11. September ein Interview mit Bin Laden geführt.

Der Prozess findet aus Sicherheitsgründen in einem Pavillon im Parkgelände Casa de Campo statt und wird etwa vier Monate dauern. Die Beweisführung dürfte äußerst kompliziert sein. Alle Angeklagten bestreiten die Vorwürfe.

Das Verfahren gilt auch als ein „Probelauf“ für den anstehenden Prozess gegen die Attentäter, die am 11. März 2004 in Madrid 191 Menschen mit Bombenanschlägen auf Vorortzüge getötet hatten. Bei diesem zweiten Verfahren werden mehr als drei Mal so viele Terror-Verdächtige auf der Anklagebank sitzen, darunter auch die mutmaßlichen Bombenleger.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%