Psychologie der Angst
Amerikas Krisenlawine rollt rund um den Globus

Bankenpleite am Montag, Verstaatlichung des Weltkonzerns AIG am Dienstag, Börsenpanik am Mittwoch und jetzt Nachbeben im Finanzsektor. Die Psychologie der Angst drängt die weltgrößte Wirtschaft an den Abgrund und zieht fast alle Volkswirtschaften mit. Die Auswirkungen der Bankenkrise von Paris bis Tokio.

NEW YORK/WASHINGTON. Am Ende einer der schwärzesten Wochen in der US-Wirtschaftsgeschichte ist die weltgrößte Ökonomie in eine Abwärtsspirale geraten: „Es ist wie Feuer im Kino. Auch die Letzten rennen zur Tür, weil alle zur Tür rennen“, sagt Hyun Song Shin, Ökonom in Princeton. Die Psychologie der Angst könnte die bereits geschwächte Wirtschaft in die Rezession drücken.

Zwar hat sich „Corporate America“ bisher als erstaunlich resistent erwiesen und im ersten Halbjahr mit Ausnahme von Banken, Bau- und Verkehrsindustrie noch solide Gewinne vorgezeigt. Die Rahmenbedingungen haben sich jedoch dramatisch verschlechtert. Bereits im August waren die Frühindikatoren um 0,5 Prozent überraschend stark gesunken, teilte das Conference Board gestern mit. Auch die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe steigen deutlich an.

Kredite sind das Lebenselixier der Wirtschaft, doch sie sind allenfalls gegen hohe Aufpreise zu erhalten. Der US-Autofinanzierer GMAC muss für ein kurzfristiges Schuldpapier inzwischen 5,25 Prozent Zinsen zahlen, vor wenigen Tagen waren es noch vier Prozent. „Die Wirtschaft ist auf Kredite angewiesen, um Häuser, Autos, Studentendarlehen und Warenbestände zu finanzieren", warnt David Mac Ewen vom Investmenthaus American Century. Belastend hinzu kommen desillusionierte Verbraucher, deren Konsum 70 Prozent der Konjunktur ausmacht: Sie sitzen ohnmächtig vor hohen Schulden, fallenden Hauspreisen und Aktienkursen sowie steigenden Lebenshaltungskosten. Der Jobmarkt zeigt seit Monaten eine Rezession an: Im historischen Vergleich ist die Arbeitslosigkeit zwar nicht hoch, zuletzt aber sprunghaft auf über sechs Prozent gestiegen.

Dass die Regierung täglich Brände austreten muss, trägt nicht zur Beruhigung bei. Jeb Hensarling, republikanischer Politiker aus Texas, klagt: „Wie lange noch soll der arme Steuerzahler für all die Verluste aufkommen und die Risiken tragen?“ Für die Rettung der AIG hat die Notenbank Kredite von bis zu 85 Mrd. Dollar zugesichert. Die Verstaatlichung der Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac könnte 200 Mrd. Dollar aus der Staatskasse ziehen.

Während Finanzminister Henry Paulson und Fed-Chef Ben Bernanke einen Rettungsplan nach dem anderen schmieden, fühlen sich die Abgeordneten im Kongress in eine Zuschauerrolle gedrängt. Zwar halten sie die Maßnahmen für richtig. Doch kritisieren sie, dass die Entscheidungen alleine von einer Handvoll Leute getroffen werden. Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, will prüfen lassen, ob Bernanke die Kompetenz hatte, AIG mit einem 85 Mrd. Dollar-Kredit zu retten. Der Unmut über die Blitzaktionen geht quer durch die Reihen. „Mein Instinkt und mein Gefühl sagen mir, dass sie den falschen Schritt gemacht haben“, urteilte der republikanische Abgeordnete Paul Ryan über den Fall AIG. Barney Frank, demokratischer Chef des Finanzkomitees im Repräsentantenhaus, zeigte sich überrascht, dass der Fed-Chef freihändig über die Verwendung der Zentralbankreserven in Höhe von über 850 Mrd. Dollar entscheiden könne: „Niemand in einer Demokratie, der nicht gewählt ist, sollte die alleinige Verfügungsgewalt über eine solche Summe haben“.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Idee, einen Trust einzurichten, Unterstützung im Kongress. In einen solchen staatlichen Fonds sollten mit schlechten Hypothekenanleihen gestützte Firmenguthaben eingebracht werden. Über das Vehikel des „Resolution Trust“ glauben die Abgeordneten wieder mehr Einfluss nehmen zu können. Wiederbelebt würde damit eine Maßnahme, die in den 80er Jahren entwickelt wurde, als US-Sparkassen ins Schleudern gerieten. Die Resolution Trust Corporation (RTC), die damals gegründet wurde, hatte am Ende 747 Institutionen mit einem Gesamtvolumen von 394 Mrd. Dollar abgewickelt. 1995 wurde sie de facto aufgelöst.

Banker warnen jedoch, dass das Vorbild aus den 80er Jahren diesmal nicht wirklich passe. „Verglichen mit der heutigen Situation ist die Sparkassen-Krise Peanuts“, sagte ein Banker in Washington, der nicht namentlich zitiert werden wollte.

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