Pulverfass Türkei
Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt

Nach dem Anschlag von Samstag wächst die Zahl der Todesopfer auf mehr als Hundert. Die Kritik am Nachrichtendienst MIT wächst. Denn der könnte von dem Anschlag gewusst haben. Nun kommt auch der IS in den Fokus.

İstanbulSogar Touristen wollten der Opfer vom Samstag gedenken. Auf dem Beyazit-Platz, mitten in der Altstadt Istanbuls, hatten sich hunderte Menschen versammelt, um an den Anschlag vor drei Tagen in der Hauptstadt des Landes zu erinnern. Einige Ausländer, die auf dem Weg zum nahegelegenen Großen Basar an dem Platz vorbeigingen, gesellten sich spontan dazu. Angemeldet hatten die Demo dieselben Gewerkschaften und Gruppen, die auch die durch zwei Selbstmordattentäter angegriffene Kundgebung vor drei Tagen organisiert hatten.

Doch die Polizei ließ erst gar nicht zu, dass es heute zu einem Trauermarsch kam. Der Gouverneur Istanbuls hatte die Trauerveranstaltung, die in sozialen Medien groß angekündigt worden war, kurzerhand verboten. Aufgrund der „sensiblen Lage“ werde die Versammlung nicht erlaubt, teilte das Gouverneursamt der Stadt am Dienstag mit. Weiter: Die Bevölkerung solle Aufrufen zu Demonstrationen, welche die „öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährden“, keine Beachtung schenken.

Im asiatischen Stadtteil Kadiköy hinderte die Polizei eine Gruppe daran, mit der Fähre in die Altstadt zu fahren. Vier Menschen wurden dabei nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa festgenommen.

Kein Terroranschlag in dem Land hat mehr Menschenleben auf einmal verletzt als die zwei durch Selbstmordattentäter gezündeten Bomben während einer Friedensdemonstration vor dem Hauptbahnhof Ankaras am Samstag. Bisher gingen Behörden von mindestens 97 Todesfällen aus, mehr als 500 sind demnach zum Teil schwer verletzt.

Nach jüngsten Erkenntnissen kamen jedoch mindestens 102 Menschen am Samstag ums Leben. Das forensische Medizininstitut in Ankara hat die Autopsie-Berichte fertiggestellt, denen zufolge fünf weitere Leichen untersucht worden sind.

Drei Leichen seien bisher nicht identifizierbar gewesen; es wird vermutet, dass mindestens eine davon einem der möglichen Attentäter zuzuordnen ist. Ein Abgleich mit der DNA-Datenbank des Landes habe bislang keine Ergebnisse hervorgebracht. Zwei weitere tote Körper müssen für weitere Untersuchungen in ein Labor nach Istanbul gebracht werden.

Die Oppositionspartei CHP plant will die Opfer des Anschlags offiziell als „Märtyrer“ berücksichtigen. „Wir werden dem Parlament den Vorschlag unterbreiten, die Opfer als Märtyrer zu berücksichtigen“, sagte CHP-Führer Kemal Kilicdaroglu am Dienstag, „damit die Angehörigen die nötigen Hilfen und Privilegien erhalten können wie zum Beispiel auch Kriegsveteranen“.

Das türkische Gesetz sieht vor, türkische Bürger zu entschädigen, wenn sie Opfer von Krieg und Terrorismus werden, zum Beispiel über einen finanziellen Ausgleich und spezielle Beschäftigungsrechte für verletzte Überlebende. Das Arbeits- und Sozialministerium sei mit dieser Angelegenheit beauftragt worden, erklärte der stellvertretende Ministerpräsident noch am Montagabend.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%