Pulverfass Türkei
Ein Land, das nicht zur Ruhe kommt

Erdogans Macht schien erstmals gebrochen

Der Anschlag geschah in einer Zeit, in der Türkei ohnehin in Aufruhr ist. Wohl kaum ein Land hatte in den vergangenen Monaten mit mehr Problemen zu kämpfen. Seit die Regierungspartei AKP bei den Wahlen im Juni zum ersten Mal seit 2002 keine absolute Mehrheit erreicht hatte, schien die Allmacht des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan erstmals gebrochen, nicht zuletzt durch den Einzug der prokurdischen HDP ins Parlament.

Koalitionsverhandlungen im Sommer scheiterten kläglich, während mutmaßliche IS-Kämpfer im Süden der Türkei bei einem Anschlag 30 Menschen töteten. In der Folge kündigten die türkische Regierung und die kurdische Terrorgruppe PKK eine zäh ausgehandelte Waffenruhe wieder auf.

Seitdem kamen bei Kämpfen zwischen Soldaten und den Rebellen Hunderte ums Leben. Auch am Dienstag tötete die Armee nach eigenen Angaben bei Luftangriffen zwölf PKK-Mitglieder und bombardierte außerdem ein Waffenlager. Oppositionelle werfen Erdogan vor, ein politisches Interesse am Konflikt mit der PKK zu haben, um bei der Neuwahl am 1. November die Nationalisten auf seiner Seite zu haben.

Gleichzeitig sind hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten über die Türkei auf dem Weg in Richtung Europa. Zwei Millionen Menschen hat das Land allein aus Syrien bereits aufgenommen. Andersherum geraten Unterstützer des IS über die türkische Grenze nach Syrien.

Die Türkei ist derzeit ein kaum zu beherrschendes Pulverfass. Die Gesellschaft ist tief gespalten. Eine Hälfte hält Erdogan für den besten Präsidenten des Landes, die andere Hälfte für den gefährlichsten.
Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu von der AKP hält es für bewiesen, dass Selbstmordattentäter den Anschlag vom Samstag verübten.

„Wir sind nah dran, einen Namen nennen zu können, der auf eine bestimmte Gruppe hinweist“, erklärte er am Montagabend in einem Interview mit dem privaten türkischen Fernsehsender NTV. Die Priorität läge bei IS-Kämpfern, wie auch schon bei dem Anschlag im Juli. Am Dienstagvormittag legte Davutoglu im Beisein seiner Ehefrau sowie weiterer Politiker Blumen am Anschlagsort nieder.

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