Putin in Deutschland
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Gerhard Schröders Flamme der Leidenschaft für Russland ist endgültig erloschen. Und aus der Asche der Männerfreundschaft mit Staatsoberhaupt Wladimir Putin wächst eine deutlich sachlichere und kühlere Beziehung. Der russische Präsidenten trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel.

DRESDEN. Russlands Präsident Wladimir Putin blickt angespannt drein, leicht aufgedunsen sogar, als er neben Bundeskanzlerin Angela Merkel Aufstellung zur Pressekonferenz in Dresdens legendärem Grünen Gewölbe nimmt. Die Gesichtszüge des sonst vor allem bei Staatsbesuchen in Deutschland so jovialen Kremlherren verdüstern sich in dem stickigen Saal zusehends, je mehr die Kanzlerin Menschenrechte und Pressefreiheit anmahnt.

Nur auf Nachfrage nimmt Putin Stellung zu dem Mord an der Moskauer Journalistin Anna Politkowskaja – und auch das erst nachdem Merkel, in schwarz gekleidet, öffentlich und für ihre Verhältnisse sehr energisch bekannt gegeben hat: „Dieser Mord muss umfassend aufgeklärt werden, und das hat mir der russische Präsident zugesagt.“ Da ergreift Putin kurz das Wort: „Ihr Mord fügt Russland und seiner Führung einen viel größeren Schaden zu als ihre Artikel“, sagt er an die Adresse der Journaille. Zynischer hätte man es am Tag der Beerdigung von Anna Politkowskaja in Moskau, an der Tausende von Trauernde teilnahmen, nicht ausdrücken können.

Nicht nur hier zeigt sich, auf welches Realmaß das deutsch-russische Verhältnis im Jahr eins nach Gerhard Schröder zusammengeschnurrt ist: kein herzen auf offener Bühne mehr, kein „Wladimir“ und „Gerhard“, sondern „Frau Bundeskanzlerin“ und erst recht auch kein „lupenreiner Demokrat“. Aber auch keine Milliarden-Abkommen mehr, wie sie der „Basta“-Kanzler im Umfeld seines politischen Lieblingsziehkindes – den bilateralen Beziehungen zu Russland – immer wieder inszenieren ließ. Heute sieht der rot angelaufene und im zu eng sitzenden Anzug fast bullig wirkende Putin auf die Frage einer russischen Redakteurin nach „der Rolle Deutschlands als Russlands Partner Nummer eins“ die Bundesrepublik nunmehr nur noch „als unseren größten Gaskunden.“

Er drängte denn auch auf den Ausbau der Energie-Partnerschaft. Nach Inbetriebnahme der neuen Ostsee-Pipeline könne Deutschland den Gasbezug verdoppeln und „zu einem großen europäischen Verteiler des russischen Gases werden. Merkel bekräftigte, die Bundesregierung unterstütze das umstrittenen Pipeline-Projekt vorbehaltslos.

Bei der Frage nach Heimatgefühlen in Dresden, wo Putin von 1985 bis 1990 als Auslandsagent dem Geheimdienst KGB gedient hat, lächelt der in sechsjähriger Amtszeit sichtlich gealterte Kremlchef: „Ich habe hier fast fünf Jahre gelebt und eine Tochter bekommen. Ich kann hier eine heimatliche Sprache sprechen. Und die Gemälde, die mir im Grünen Gewölbe gezeigt wurden, kenne ich noch aus meiner Erinnerung. Deshalb bin ich der Kanzlerin dankbar, dass wir uns hier treffen.“ Mit Schröder hätte ein abendliches Pils im „Am Thor“ auf dem Programm gestanden, wo nur noch ein Foto an den einstigen Gast Putin erinnert und Wirt Joachim Loch wie ein Grab schweigt über den einstigen Radeberger-Konsum seines prominentesten Gastes.

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