Putin macht Pause vom Ukraine-Krieg Ein bisschen Sonnetanken beim ägyptischen Kollegen

Kreml-Chef Wladimir Putin gönnt sich eine Auszeit von der Ukraine-Krise und besucht alte Freunde am Nil. Sein demonstrativer Schulterschluss mit Ägyptens Präsident Al-Sisi könnte Folgen für die EU und die USA haben.
7 Kommentare
In Kairo sind die Straßenränder mit Willkommens-Plakaten für den russischen Präsidenten zugepflastert. Quelle: dpa
Gefeiert wie ein Held

In Kairo sind die Straßenränder mit Willkommens-Plakaten für den russischen Präsidenten zugepflastert.

(Foto: dpa)

KairoEndlose Plakatreihen säumen die Nilbrücken und Durchgangsstraßen. Fast von jedem Laternenpfahl der ägyptischen Hauptstadt lächelt Russlands Präsident Wladimir Putin milde auf die staugeplagten Autofahrer herab. Niemals zuvor wurde ein ausländischer Staatschef, der am späten Nachmittag in Kairo getroffen ist, mit einer derart flächendeckenden Begrüßungskampagne hofiert.

„Putin – ein Held dieser Zeit“ titelte die Staatszeitung „Al Ahram“ und pflasterte ihre Aufschlagseite mit Fotos des verehrten Kreml-Idols – mal mit nacktem Oberkörper und Jagdgewehr in der Hand, mal in Pilotenuniform oder beim Drachenfliegen, mal beim Pistolenschießen und Karatetraining oder im fürsorglichen Gespräch mit betagten russischen Bürgern.

Der Mann aus Moskau, der wegen des Ukraine-Konflikts ganz Europa in Atem hält, ist so ganz nach dem Geschmack der neuen Herren Ägyptens. Er bietet dem Westen die Stirn, strahlt Machtwillen und Chauvinismus aus und schert sich nicht um Menschenrechte, Justizwillkür und Polizeiexzesse.

Zwei Tage besucht Putin das Land am Nil, bevor er am Mittwoch nach Minsk zum Ukraine-Gipfel reist. Am Abend begleitet Gastgeber Präsident und Armeechef Abdel Fattah Al-Sisi ihn ins Opernhaus zu Tschaikowskys Schwanensee, dem sich auch ein Akt aus Aida anschloss, der 1871 in Kairo uraufgeführten Pharao-Oper Verdis, die das musiksinnige Ägypten quasi als eigenes Nationalepos adoptiert hat.

Am Dienstag reist Putin weiter nach Sharm al-Sheikh ans Rote Meer, wo Ägypten Mitte März seine internationale Investorenkonferenz ausrichten will, und wo sich seit dem Ausbleiben westlicher Touristen vor allem russische All-Inclusive-Badegäste tummeln. Von den zehn Millionen Russen, die 2014 ins Ausland reisten, machten allein drei Millionen Billigurlaub in Ägypten.

Für beide Seiten ist der Staatsbesuch ein politischer Gewinn. Wladimir Putin, der erste G-8-Staatschef, der sich nach Al-Sisis Putsch Mitte 2013 in Kairo blicken lässt, kann demonstrieren, dass er diplomatisch keineswegs isoliert und nach wie vor ein gefragter Weltpolitiker ist.

Zudem winken Russland angesichts der westlichen Sanktionen in Ägypten neue ökonomische Perspektiven, obwohl die Volkswirtschaften beider Länder momentan stagnieren. Moskau ist einer der größten Getreidelieferanten für die 90 Millionen Menschen im Niltal. Seine Firmen wollen im Gas- und Ölsektor Fuß fassen. Und Kairo liebäugelt mit einem Atomreaktor aus russischer Produktion.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Al-Sisi will russische Investoren nach Ägypten locken
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: Putin macht Pause vom Ukraine-Krieg - Ein bisschen Sonnetanken beim ägyptischen Kollegen

7 Kommentare zu "Putin macht Pause vom Ukraine-Krieg: Ein bisschen Sonnetanken beim ägyptischen Kollegen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Die Europäer stehen am Scheideweg: Große Teile der amerikanischen Elite ist völlig fixiert und wahrscheinlich auch berauscht von ihrem Aberglauben ihre als "Supreme Leadership"/Erstrangigkeit verherrlichte Weltherrschaft, die zudem immer stärker von Eigeninteressen korrumpiert ist, wäre eine Segen für die Welt. Offenbar leiden nicht nur Deutsche unter Größenwahn. Der Faktor Kultur, der den Kopfmenschen in ihren intellektuellen Elfenbeintürmen einfach zu fremd ist und viel tiefer sitzt, als ihre windigen Konzepte, führt dazu, dass am deutschen Wesen nicht die Welt, ja nicht mal Griechenland genesen kann und auch nicht am amerikanischen.

    Nur eine auch in den Außenverhältnissen demokratisierte, multipolare Weltordnung mit geteilter Unsicherheit bringt maximale Sicherheit für alle. Jeder Versuch nun auch in Europa mehr von der falschen Einheits-Medizin zu verabreichen, absolute Kontrolle für einen und zunehmender Kontrollverlust für alle anderen, wird diesen Kontinent wieder mal zerlegen. Sollten Waffen an die Ukraine geliefert werden, um die "Erstrangigkeit" der USA in der Ukraine mit Gewalt durchzusetzen und die Ukraine als neuen Eisernen Vorhang gegen Russland zu missbrauchen, wird sie wie Syrien enden und vermutlich ganz Europa anstecken und spalten. Kein Europäer der bei Verstand ist, kann das wollen.

  • Hallo Handelsblatt-Redaktion,

    im Vergleich u gestern fehlen hier einige Kommentare. Wo sind die denn geblieben? Gibt es wieder technische Probleme oder Anweisung doch von unseren weltzerstörenden "Weltenrettern" "ganz oben? Sorry für die potentielle Unterstellung aber im Schlafwandel machen die Leute einfach die merkwürdigsten Dinge...

  • würde mich ja stark wundern wenn die USA und EU den "Arabischen Frühling" nicht massiv unterstützt hätten, was übrigens in fast allen Ländern zu Leid und Elend geführt hat, nur nicht zu einer Demokratisierung nach westlichem Vorbild. Ähnlich ist es in der Ukraine.

  • Kriminelle Autokraten unter sich.

  • Kriminelle Autokraten unter sich.

  • Putin schmiedet neue Allianzen und macht Realpolitik, wer könnte ihm das verdenken, nachdem die EU ihm die "strategische Partnerschaf"t aufgekündigt hat.

    Die westliche Politik der Farbenrevolutionen und des arabischen Frühlings sind eh in eine Sackgasse geraten, wie sie zugemauerter nicht sein kann.

    Lybien ist z.Z. total chaotisch, Ägypten hat rechtzeitig die Rolle rückwärts gemacht, über Syrien muß kein Wort verloren werden.

    Wir haben es offenbar mit einen "Ideotisierung des Abendlandes" zu tun, bar jeder Realpolitik und ideologisch fixiert auf Inhalte, die niemanden sonst auf der Welt interessieren als die pol. infantilisierten Europäer selber.

  • Ein kleines, aber nicht unbedeutendes Detail wurde in dem Bericht vergessen.

    Putin hat im Vorfeld seines Ägypten-Besuchs der führenden ägyptischen Zeitung Al Ahram ein Interview gegeben. Darin weist er darauf hin, daß die USA die Ukraine-Krise dadurch ausgelöst haben, daß sie vor einem knappen Jahr in Kiew einen Staatsstreich unterstützt haben.

    Siehe: http://de.sputniknews.com/politik/20150209/301016095.html

    Er hat das vermutlich weniger zur Rechtfertigung der russischen Position in der Ukrainekrise gesagt - das hat er nicht nötig - sondern als versteckte oder auch offene Warnung an die ägyptische Regierung, nach dem Motto: "Paßt auf, daß die USA es nicht bei euch genauso machen!"

    Wir können davon ausgehen, daß diese Warnung in Kairo sehr wohl gehört wird. Wir können weiter davon ausgehen, daß sie auch in anderen Hauptstädten der arabischen Welt beachtet wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%