Putin und Russland
Genosse, Gegner, Glaubensbruder

Der Kompromiss von Minsk könnte Frieden in der Ukraine bringen. Doch die Welt diskutiert sehr unterschiedlich über die Rolle von Kreml-Chef Putin und Russland in dem Konflikt. Unsere Korrespondenten berichten.
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Athen/London//Stockholm/Peking/WienAngela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande ist die Erleichterung sichtlich anzumerken. Glücklich, wie ein verliebtes Paar, schauen sie sich nach den 17-stündigen Verhandlungen in in die Augen. Nicht ganz so glücklich sehen die beiden anderen Verhandlungspartner, Petro Poroschenko und Wladimir Putin, aus. Sie mussten beide Kröten schlucken.

Doch ob die vereinbarte Waffenruhe hält, ist alles andere als sicher. Angela Merkel sieht in dem Kompromiss einen „Hoffnungsschimmer, nicht mehr und nicht weniger“. Dennoch ist im Ausland die Erleichterung groß.

Der italienische Ministerpräsident Renzi spricht von einem „wichtigen Schritt nach vorne.“ In Italien ist die öffentliche Meinung eher pro-ukrainisch und kritisch gegenüber Putin. Doch das ist längst nicht überall so. Handelsblatt-Korrespondenten berichten.

Griechenland: „Dicke Freunde“

Die Aufregung über Russlands Annexion der Krim und das Vorgehen in der Ukraine war in Griechenland nie besonders groß. Dafür war die Kritik an den EU-Sanktionen gegenüber Moskau umso schärfer. Griechen und Russen sind dicke Freunde. Beide Völker haben enge historische Verbindungen. Im griechischen Befreiungskrieg standen die Russen den Hellenen gegen die türkischen Besatzer bei. Ein starkes Bindeglied ist die gemeinsame orthodoxe Religion. Wladimir Putin ist ein regelmäßiger und gerngesehener Gast in den Klöstern auf dem Heiligen Berg Athos in Nordgriechenland.

In Griechenland hofft man auf ein Ende der Sanktionen gegen Russland und der im Gegenzug von Moskau verhängten Importbeschränkungen. Unter dem Strich spielt der russische Markt für die griechischen Exporteure zwar keine große Rolle. Sie erzielten dort im vergangenen Jahr nur etwa 1,5 Prozent ihrer gesamten Ausfuhrerlöse. Für eine Anzahl von Lieferanten ist Russland aber wichtig. So gingen vor dem Embargo 50 Prozent der Erdbeer- und 25 Prozent der Pfirsichexporte nach Russland. Die griechische Pelzindustrie lieferte 45 Prozent ihrer Ausfuhren nach Russland. Auch für den Tourismus ist Russland ein wichtiger Markt: 2013 kamen 1,35 Millionen russische Gäste nach Griechenland. Seither sinkt die Zahl, vor allem wegen des schwachen Rubels.

Russland ist Griechenlands größter Gaslieferant. Rund 65 Prozent ihres Bedarfs beziehen die Griechen vom Staatskonzern Gazprom. Auch als Investor steht Russland in Griechenland auf der Matte: Die russischen Staatsbahnen RZD haben in einem Konsortium mit dem griechischen Baukonzern GEK-Terna Interesse an dem griechischen Bahnbetreiber Trainose und der Hafengesellschaft von Thessaloniki gezeigt. Ob diese Privatisierungen überhaupt umgesetzt werden, ist aber nach dem Wahlsieg des radikal-linken Bündnisses Syriza offen.

Unterdessen spielt die neue Athener Regierung offenbar, allen Dementis zum Trotz, mit dem Gedanken, dass Russland den Griechen mit einem Milliardenkredit beistehen könnte. Der neue Außenminister Nikos Kotzias, dessen frühere politische Heimat die sowjettreue griechische KP war, reiste gleich nach seinem Besuch in Berlin am Mittwoch weiter nach Moskau. Dort ist man an guten Beziehungen zur neuen griechischen Links-Rechts-Regierung sehr interessiert. Premierminister Tsipras hat bereits eine Einladung Putins zu den antifaschistischen Siegesfeiern am 9. Mai erhalten. 2016 will man groß das „Jahr der griechisch-russischen Freundschaft“ feiern.

Moskau setzt offensichtlich darauf, dass die Tsipras-Regierung eine Verschärfung der EU-Sanktionen mit ihrem Veto blockieren wird. Das könnte man sich etwas kosten lassen – zum Beispiel einen Kredit für die Griechen. Man werde ein Hilfsersuchen selbstverständlich prüfen, versprach Außenminister Sergei Lawrow seinem griechischen Kollegen. Allerdings hieß es in russischen Kreisen, man könne leider keine Darlehen und Euro oder Dollar gewähren. Die Griechen müssen sich mit Rubel begnügen.

Gerd Höhler, Athen

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  • Ich hoffe sehr, dass Waffenstillstand anhält! Aber Poroschenko hat nicht die Macht, dies durchzusetzen!
    Er hat nur über Teile der Streitkräfte die Befehlgewalt und diese Teile werden immer wenige. Gestern sind 71 Brigaden an das Kommando des "Rechten Sektors" (Dimitry Jarosch) unterstellt worden. Und der hält sich keineswegs an die Kommandos von Poroschenko. Somit kann ein kleiner Funke genügen, um die Auseinandersetzung noch weiter eskalieren zu lassen!

  • Die unterschiedlichen Bewertungen des Verhandlungsergebnisses zeigen zumindest, dass ein paar "Achsen" funktionieren. Die angelsächsische London-Washington, die kerneuropäische Berlin-Paris mit östereichischem und italienischen Anhang, die Achse der baltischen Länder u.s.w.

    China profitiert maßgeblich von einer Politik Russlands und der Sanktionspolitik
    ohne selber etwas einsetzten zu müssen.

    Wenn der zukünftige Waffenstillstand halte sollte und man käme darüber hinaus zu einer Gesamtlösung des Ukraine-Problems, indem dieser Staat als blockfreies Land und Brückenstaat zwischen Russland und der EU seine Rolle im europäischen Kontext findet, wäre sehr viel gewonnen für alle Beteiligten.

    Die Rolle der USA in diesem Spiel und deren geopoltischen Bestrebugen in Europa, Stichwort, Zbigniew Brzezinski "The Grand Chessboard" sind allerdings eine eigenständige Größe und sollten nicht unterschätzt werden, genau so die russische Gegenstrategie, falls die USA ihre Anstrengungen verstärken sollte.

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