Putsch gescheitert
Erdogan kündigt Säuberungen im Militär an

Die erste Bilanz ist erschreckend: Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei hat mehr als 260 Leben gefordert. Und auf das Land kommen schwere Zeiten zu. Präsident Erdogan droht allen Unterstützern mit Vergeltung.

Kampfflugzeuge donnern über die türkische Hauptstadt Ankara hinweg, Panzer rasseln durch die Straßen, Militärfahrzeuge blockieren die Bosporusbrücken in Istanbul, Soldaten und Polizisten liefern sich Feuergefechte auf dem Taksim-Platz, im Parlament explodiert eine Bombe: Die Türkei schien am späten Freitagabend ins Chaos abzustürzen. Am Samstag scheint der Putschversuch niedergeschlagen zu sein, Staatschef Recep Tayyip Erdogan und die Regierung haben offenbar die Oberhand gewonnen. Erdogan gab sich schon siegessicher: „Die Türkei wird nicht vom Militär regiert“, unterstrich der Präsident und kündigte „Säuberungen“ in den Streitkräften an. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte, die Lage sei „weitgehend unter Kontrolle“.

Die blutige Bilanz, nach offiziellen Angaben: 265 Tote, darunter 161 Zivilisten oder regierungstreue Sicherheitskräfte und 104 Putschisten. Fast 1600 mutmaßlich an dem Umsturzversuch beteiligte Soldaten wurden festgenommen. Fünf Generäle und 29 Oberste wurden abgesetzt.

Aber die Situation bleibt zunächst unübersichtlich. Auch am Samstag fielen in Ankara immer wieder Schüsse. Unklar ist, wer das Militärhauptquartier kontrolliert: Putschisten oder regierungstreue Truppen? In dem Gebäude hatte sich in der Nacht eine unbekannte Zahl von Putschisten verschanzt und Geiseln genommen. Mehrere Stunden lang hielten die Aufständischen auch den Generalstabschef Hulusi Akar gefangen, bis er von regierungstreuen Militärs befreit werden konnte.

Erdogan vermutet seinen Erzfeind Fethullah Gülen, der in den USA im Exil lebt, als Drahtzieher des Umsturzversuchs. Der islamische Reform-Prediger war ein enger Verbündeter Erdogans, bis sich beide Männer 2013 überwarfen. Erdogan warf Gülen vor, er habe die Massenproteste vom Sommer 2013 inszeniert und die wenige Monate später hochgekommenen Korruptionsvorwürfe lanciert, um ihn zu stürzen. Tausende mutmaßliche Gülen-Anhänger wurden seit Ende 2013 aus dem Staatsdienst entfernt.

Gülen dementierte noch am Freitagabend umgehend jede Beteiligung und verurteilte den Putschversuch: „Als jemand, der in den vergangenen fünf Jahrzehnten unter mehreren Coups zu leiden hatte, ist es für mich besonders verletzend, wenn ich nun angeblicher Verbindungen zu den Putschisten beschuldigt werde“, hieß es in einer Erklärung Gülens. „Ich bestreite diese Anschuldigungen kategorisch und verurteile den Putschversuch auf das Schärfste“, so Gülen. Auch wenn sich der Prediger distanziert: Seine Anhänger müssen sich nun warm anziehen. Erdogan kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Putschisten an: Sie müssten „einen hohen Preis für ihren Hochverrat“ zahlen, so der Präsident.

Erdogan war offenbar persönlich ein Ziel der Putschisten. Mehrere von den Umstürzlern kontrollierte Kampfhubschrauber nahmen ein Hotel in der Touristenmetropole Marmaris unter Beschuss, wo Erdogan übernachten sollte. Polizisten und Soldaten lieferten sich in dem Hotel Feuergefechte. Zum Zeitpunkt des Angriffs war Erdogan allerdings nicht mehr in dem Hotel. Er befand sich bereits auf dem Flug nach Istanbul, wo sich viele seiner Anhänger versammelten. Erdogan hatte die Bevölkerung über Rundfunk und Fernsehen aufgerufen, ihre Häuser zu verlassen und sich auf Plätzen zu versammeln, um den Putschisten Einhalt zu gebieten.

In der Nacht hatten sich die Ereignisse überschlagen. Ein Kampfjet warf in der Nähe des Präsidentenpalastes in Ankara eine Bombe ab. Das Gebäude wurde zwar nicht getroffen, aber mindestens fünf Menschen kamen ums Leben. Die Putschisten flogen auch Luftangriffe auf das Parlamentsgebäude im Regierungsviertel, das offenbar erheblich beschädigt wurde. Dabei sei das Büro des Ministerpräsidenten weitgehend zerstört worden, hieß es in Meldungen. Kampfhubschrauber griffen auch das Gebäude des Staatsfernsehen TRT an.

Ministerpräsident Yildirim bestätigte, dass es auf den Luftwaffenstützpunkten von Ankara und Balikesir eine „Rebellion“ gebe. Die Putschisten flögen mit Kampfjets und Hubschraubern vereinzelte Luftangriffe auf Ziele in Ankara und Istanbul. „Sie richten großen Schaden an“, sagte Yildirim. Er habe den regierungstreuen Truppen Anweisung gegeben, die Flugzeuge der Aufständischen abzuschießen.

In Istanbul lieferten sich Polizisten und putschende Soldaten Feuergefechte auf dem Taksim-Platz. Auch den Zufahrten der beiden Bosporusbrücken kam es zu Schießereien. Aufständische hatten die Brücken am späten Freitagabend blockiert.

Alle Oppositionsparteien verurteilten den Putschversuch einhellig. Ministerpräsident Yildirim berief für den Samstagnachmittag eine Sondersitzung des Parlaments ein.


Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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