Putsch in Zentralamerika
Honduras: Chronik eines angekündigten Todes

Hätte es in Honduras keinen Putsch gegeben, säße Roberto Micheletti nicht im Präsidentenpalast. Wäre es ein normaler demokratischer Übergang, würde dieser Artikel nicht während einer Ausgangssperre entstehen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis es in dem bizarren Konflikt um das Präsidentenamt die ersten Toten geben würde.

MEXIKO-STADT. Die letzten Sekunden im Leben von Isis Murillo waren erfüllt von Panik. Als die Soldaten auf dem Flughafen von Tegucigalpa um kurz nach 16 Uhr scharf zu schießen beginnen, dreht sich der Junge im hellbauen T-Shirt um und rennt wie Hunderte andere auch - weg von den Schüssen und weg von der Menge, die ihn zu zertrampeln droht. Nach wenigen Sekunden sackt Isis Murillo zusammen, getroffen von einer Kugel im Hinterkopf. "Ich dachte, er sei gestolpert und hingefallen, dann sah ich, dass aus einer klaffenden Wunde aus seinem Hinterkopf Blut und Hirnmasse quollen", erinnert sich der Filmemacher Walter Hernández, der nur ein paar Meter neben Isis Murillo lief.

Isis, ein 19-Jähriger mit Kindergesicht, wartet am Sonntagnachmittag wie Tausende andere am Flughafen der honduranischen Hauptstadt auf die angekündigte Rückkehr seines Präsidenten Manuel Zelaya. Eine Rückkehr, zu der es nicht kommt, weil die Putsch-Regierung um Roberto Micheletti ihm die Landung untersagt. Jener Micheletti, der sich seit mehr als einer Woche Staatschef nennt, und dessen Lieblingssatz lautet: "In Honduras gab es keinen Staatsstreich."

Hätte es in Honduras keinen Staatstreich gegeben, dann säße Micheletti jetzt nicht im Präsidentenpalast in Tegucigalpa, wäre dies kein Putsch, dann wäre Isis Murillo jetzt nicht in der Gerichtsmedizin des Escuela-Krankenhauses aufgebahrt. Und wäre dies ein normaler demokratischer Übergang, wie Micheletti nicht müde wird zu behaupten, dann würde dieser Artikel nicht während einer Ausgangssperre entstehen, die jeden Tag früher beginnt.

Und so war nur eine Frage der Zeit, bis es in dem bizarren Konflikt um das Präsidentenamt in dem zentralamerikanischen Land die ersten Toten geben würde. Der Kopfschuss von Isis Murillo liest sich wie die Chronik eines angekündigten Todes, nachdem Manuel Zelaya trotz Warnungen wohlmeinender Politiker an einer schnellen Rückkehr nach Honduras festhielt, Micheletti ihm zeitgleich die Verhaftung androhte und letztlich Kardinal Óscar Rodríguez Madriaga Lunte an das Pulverfass legte, als er vor einem "Blutvergießen" warnte, sollte Zelaya nach Honduras zurückkehren.

Das Unglück nimmt seinen Lauf, als Zelaya am Sonntag in Washington in einen venezolanischen Lear-Jet steigt und sich auf den Weg nach Tegucigalpa macht. Live auf gleich zwei Fernsehkanälen in Honduras parliert er später aus dem Flieger: "Wir sind in einer halben Stunde im honduranischen Luftraum. Und ich weise als Oberbefehlshaber die Streitkräfte an, mich landen zu lassen."

Diese gehorchen aber den neuen Machthabern und besetzen Flughafen, Zufahrtstraßen und Landebahnen. Mehrere tausend Anhänger Mel Zelayas schaffen es aber an den Rand der Piste. Dort stehen dann schwer bewaffnete Soldaten, manche noch Kinder, getrennt nur durch einen Maschendrahtzaun von Tausenden Landsleuten, die nur die Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung wollen. Es sind Bauern mit wenigen Zähnen, junge Vermummte, andere in roten Shirts der Liberalen Partei von Zelaya, wieder andere ganz in zivil, so wie Isis Murillo.

"Plötzlich versuchten einige, den Zaun zur Landebahn einzureißen, es flogen Steine, Tränengas und die ersten Schüsse aus Richtung Landebahn", erinnert sich Carlos Alberto Reina vom "Nationalen Widerstandskomitee". "Dann wurde scharf geschossen und die Menschen fingen an zu rennen", ergänzt er und zeigt auf ein paar faustgroße Löcher in einer Mauer. Nur wenige Meter daneben beginnt auch Isis Murillo zu laufen. Doch weit kommt er nicht. Als ihn die Kugel trifft, fällt er sofort um. Carlos Silva, der neben ihm läuft, hebt ihn auf, zieht ihn weiter: "Ich habe ihn auf den Arm genommen und erst da gemerkt, dass er ein riesiges Loch im Kopf hatte". Als César Silva die Geschichte erzählt, ist er den Tränen nahe und hält sein T-Shirt an die Brust gedrückt, mit dem er vergeblich die Blutung bei Isis stilen wollte.

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