Rätselraten um Fischer-Rolle
Zittern um 15 Schicksale

Die gute Nachricht kam, als Algerien am Mittwoch gerade aufwachte und den Geburtstag des Propheten Mohammed feiern wollte. Im Morgengrauen des Vortages waren 17 der Sahara-Touristen nach einem monatelangen Geiseldrama im algerischen Süden endlich freigekommen. In den Stunden danach jubelt vor allem ganz Österreich über die Geiselbefreiung. In anderen Ländern rief das nicht abgesprochene Vorpreschen der Alpenrepublik mit der Nachricht Kritik hervor: Damit hätten die Verantwortlichen das Leben der verbliebenen 15 Geiseln zusätzlich gefährdet.

HB/dpa/rtr ALGIER/PARIS. Der Salzburger Landeshauptmann (Ministerpräsident) Schausberger, der am Morgen mit den ersten offiziellen Informationen an die Öffentlichkeit getreten war, wies Kritik aus der Schweiz zurück, diese frühe Bekanntgabe könnte das Leben der übrigen 15 Geiseln gefährden. Es habe bereits erste Medienberichte gegeben, da sei es illusorisch gewesen, die Befreiungsaktion noch länger geheim zu halten.

„Es war daher unsere Überlegung, selbst mit der Information herauszukommen“, erklärte der Landespolitiker. „Unsere Gedanken sind aber bei den 15, die noch in Algerien sind.“ Österreich werde alles tun, um die noch betroffenen Länder weiter zu unterstützen.

Zwei Zeitungen des kleinen Blätterwaldes der Hauptstadt Algier hatten Wind von der Militäraktion bekommen. Und während das offizielle Algier zunächst zu allem schwieg, mischten sich in die Sorgen um das Los der übrigen 15 Geiseln sofort wieder Spekulationen.

Am Tag vor der Befreiung hatte Bundesaußenminister Joschka Fischer noch in Algier mit Präsident Abdelaziz Bouteflika über die Geiseln gesprochen - und noch am Tag der Aktion hoffte er auf einen glücklichen Ausgang des Dramas „ohne Rückgriff auf Gewalt“. Politische Beobachter in Algier gingen zwar irgendwie von einem Zusammenhang zwischen der Fischer-Reise und der Aktion aus, konnten sich aber doch keinen Reim darauf machen. Medien in Algier hatten von Zeichen europäischer Ungeduld und Nervosität gesprochen, weil sich in knapp drei Monaten keine Lösung des Dramas abzeichnete.

Dann kamen die ersten Meldungen über eine Befreiung - und schließlich meldete sich der algerische Generalstab offiziell zu Wort. Die 17 befreiten Sahara-Touristen waren nach seinen Angaben in den Händen der islamistischen Terrorgruppe GSPC. Bei dem Sturmangriff auf die Entführer seien mehrere Soldaten verletzt worden. Die Geiseln seien alle wohlauf und befänden sich in einem Militärhospital in Algier.

Schicksal der zweiten Gruppe bleibt ungewiss

Es waren also doch keine Waffenschmuggler oder sonstige Banditen, die diese Touristengruppe in ihre Gewalt gebracht hatten. Vor mehreren Wochen schon waren hohe algerische Armee-Vertreter zitiert worden, wonach die Geiseln „bei guter Gesundheit sind“ und von etwa zehn Männern eines „lokalen Emirs“ der islamistischen Terrorgruppe GSPC gefangen gehalten würden. Selbst der Ort - mehrere hundert Kilometer westlich von Illizi - wurde geographisch ziemlich genau genannt. Die Armee suchte womöglich noch einen geeigneten Moment für einen Überraschungscoup, um der Welt zu beweisen, was sie ohne Hilfe von außen erledigen kann.

Der politische Hintergrund - die Terrorgruppe wird als dem El- Kaida-Netzwerk nahe stehend beschrieben - und die Tatsache, dass es in der unzugänglichen Region bei Amguid unzählige Grotten und Canyons gibt, dürften es besonders zwingend gemacht haben, einen entscheidenden Schlag gegen die Entführer gut vorzubereiten. Zudem wusste das im Kampf gegen Terroristen erprobte algerische Militär seit Wochen, dass die Verschleppten in zwei Gruppen aufgeteilt worden waren. Dieser Schachzug könnte nun eine gewaltsame Befreiung derer, die noch in der Hand von Entführern sind, riskanter machen. Auch dadurch bleibt das Schicksal der noch 15 Geiseln in der Wüste ungewiss.

Über das Schicksal von 15 weiteren Touristen - darunter zehn Deutsche - die ebenfalls vor rund zwei Monaten entlang der so genannten Gräberpiste verschwunden waren, gibt es derzeit keine Informationen. Sie werden in einem Versteck nahe der südalgerischen Stadt Illizi vermutet. Spezialeinheiten seien auf der Suche nach diesem Versteck, berichtete die algerische Zeitung „El Watan“ unter Berufung auf Sicherheitskreise. Dabei würden auch Flugzeuge eingesetzt, die mit wärmeempfindlichen Detektoren ausgerüstet seien.

Jubelstimmung in Österreich

In Österreich traten diese Gedankengänge heute in den Hintergrund. „Man glaubt das gar nicht!“, „Unfassbar!, „Heute ist der Tag, auf den wir uns so lange gefreut haben!“ - das waren die ersten Reaktionen der Angehörigen, nachdem sie am Mittwoch im Morgengrauen von den österreichischen Behörden informiert worden sind, dass alle acht Salzburger und zwei Tiroler befreit wurden. „Das ist die schönste Nachricht des Tages“, freute sich auch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, und Bundespräsident Thomas Klestil bedankte sich bei seinem algerischen Amtskollegen Abdelaziz Bouteflika für dessen „besondere Hilfe“.

Und doch gab es trotz aller Freude wieder Kritik am Verhalten von Österreichs Politikern und Behörden. Das Schweizer Außenministerium bedauerte, dass die Österreicher mit der Nachricht über die Befreiungsaktion vorgeprescht waren. Das könne möglicherweise das Schicksal der übrigen 15 Geiseln, darunter vier Schweizer, gefährden, kritisierte der Ministeriumssprecher Simon Hubacher jenseits diplomatischer Verschwiegenheit. Denn dass die Österreicher an die Öffentlichkeit gingen, war mit den übrigen in diese Affäre verwickelten Länder offenbar nicht abgestimmt.

Salzburger Landeshauptmann sorgte für Verwirrung

Diesmal hatte der Salzburger Landeshauptmann (Ministerpräsident) Franz Schausberger die Befreiung publik gemacht. „Seit 4 Uhr“ seien die Geiseln frei, wurde der Politiker von den österreichischen Medien am Morgen zitiert. Damit sorgte er sogleich für Verwirrung. Betraf das alle 32 Geiseln? Fand die Befreiung Mittwochmorgen statt? Nach wenigen Minuten dann Klarheit: Nur 17 von 32 Geiseln waren ihren Entführern entrissen worden, darunter alle zehn Österreicher. Erst später wurde klar, wie Schausberger den Befreiungstermin von Dienstag auf Mittwoch verlegt hatte: Offenbar fußte diese Information auf einem Anruf der Geisel Ingo Bleckmann (60), der in der Nacht mit seiner Frau in Salzburg Kontakt aufgenommen hatte.

Dagegen hielt sich die österreichische Außenministerin Benita Ferrero-Waldner ungewöhnlich zurück. Sie könne Einzelheiten mit Rücksicht auf das Leben der noch festgehaltenen Geiseln wirklich nicht ausplaudern, zeigte sie sich in einem Telefongespräch aus Saudi-Arabien standhaft. Mitte April hatte die Ministerin selbst die Kritik auf sich gezogen, als sie nach ihrer Rückkehr aus Algerien auf einer Pressekonferenz Einzelheiten über die Entführten preisgab. Die deutschen Sicherheitsbehörden und die Berliner Diplomatie seien „verstimmt“, dass die Ministerin entgegen den Absprachen so redselig war, hieß es später. Es wurde befürchtet, dass sich die Entführer an den Geiseln rächen könnten.

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