Raketenabwehrsystem
Pressestimmen: „Genialer Schachzug“

Osteuropäische Zeitungen beschäftigt vor allem der neu Vorschlag von Russlands Präsident Wladimir Putin zum geplanten Raketenabwehrsystem der Amerikaner. Die russische Zeitung „Kommersant" hat zu dem noch einen ungewöhnlichen Blick auf die deutsche Polizei geworfen, die sie mit „behutsamen Kindergärtnerinnen" vergleicht.

HB MOSKAU/WARSCHAU/PRAG. Die russische Boulevardzeitung „Komsomolskaja Prawda“ wertet Putins Idee für eine von Russland und den USA gemeinsam genutzte Radarstation als Durchbruch in den Verhandlungen. Der Vorschlag bringe für beide Seiten politische, militärische und wirtschaftliche Vorteile. „Eine gemeinsame Nutzung der Radarstation Gabala in Aserbaidschan würde den Bau von Raketenabwehrtechnik in Tschechien und Polen überflüssig machen." Gleichzeitig warnt die russische Zeitung, „dass nun sowohl in den USA wie auch in Russland Stimmen laut werden, die einen „Verrat“ nationaler Interessen kritisieren". Die Beteiligten müssten sich nun entscheiden, was wichtiger sei: Entweder das Gezänk geht ebenso weiter wie das Geprotze mit den Waffen oder aber beide Seiten entwickeln einen gemeinsamen Raketenschild.“

Auch die russische Wirtschaftszeitung „RBK daily“ lobt Putins Initiative. „Für die Idee spricht, dass ein Raketenschild im Kaukasus ganz Europa ohne Ausnahme schützen würde, und nicht nur einen Teil wie bei der Variante mit Polen und Tschechien. Putin hat mit Aserbaidschan einen genialen Schachzug gemacht. Er kam als der große Antiheld zur G8, der einen Kalten Krieg androhte. Aber nach den Verhandlungen mit US-Präsident George W. Bush hat der Kremlchef die Lage um 180 Grad gedreht.“

Mit der neuen Entwicklung können offenbar auch die Tschechen leben, wenngleich sie an einer baldigen Einigung zwischen Moskau und Washington zweifeln. „Lidove noviny“ aus Prag meint: „Moskau hat wieder einmal überrascht. Wenn die bisher in Mittelböhmen geplante US-Radaranlage letztendlich nicht dort stationiert werden würde, hätte die Prager Regierung trotzdem wegen ihrer Unterstützung des US-Projekts das Gesicht gewahrt. Und die tschechischen Gegner dieses Plans könnten feiern, ohne die Beziehungen zu Washington zu belasten. Es gibt aber ein großes Aber: Man kann kaum glauben, dass die USA den Russen nun so einfach in die Arme fallen werden. Eher ist anzunehmen, dass der Kampf um die US-Radarstation jetzt erst richtig begonnen hat.“

In Polen herrscht dagegen größere Skepsis gegenüber Putins Absichten. Die konservative polnische Zeitung „Rzeczpospolita“ schreibt: „Es stellt sich die Frage, die Lenin vor 100 Jahren nach dem Sieg der proletarischen Revolution stellte: Was tun? Warum soll Russland entscheiden, wo das amerikanische Verteidigungssystem entsteht? Warum verletzt Aserbaidschan es weniger als Polen? Warum war Zusammenarbeit bisher unmöglich und ist es jetzt plötzlich?" Solche Fragen solle Bush heute auf Hela bei seinem Treffen mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski erörtern, empfiehlt „Rzeczpospolita“. „Denn Polen muss sich im Gegensatz zu den USA nicht auf die Verteidigung von Raketen aus dem Iran oder Nordkorea vorbereiten. Für Polen wäre das Raketensystem eine Bestätigung des Bündnisses mit Amerika und eine größere Sicherheitsgarantie.“

Die liberale russische Tageszeitung „Kommersant“ widmet sich ausführlich dem Umgang der deutschen Polizei mit den rund um Heiligendamm demonstrierenden Globalisierungsgegnern: „Die deutsche Polizei verhält sich hier erstaunlich friedfertig. Die Beamten sind gutmütig und fröhlich. Sie kümmern sich um die Globalisierungsgegner wie eine Erzieherin im Kindergarten auf die Kleinen Acht gibt. Die Polizisten machen hinter den Demonstranten sauber und führen sie an der Hand zu weniger gefährlichen Orten. Selbst Blockadeteilnehmer werden äußerst sorgsam über die Straße geleitet, damit niemandem etwas passiert.“

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