Ratspräsidentschaft
Tschechischer Künstler blamiert die EU

Seit gerade zwei Wochen führt Tschechien die EU und schon hat sich Prag unübersehbar blamiert: 16 mal 16 Meter groß schmückt ein Riesenkunstschwindel des renommierten Artisten David Cerny das EU-Ratsgebäude in Brüssel.

HB PRAG/BRÜSSEL. Angeblich hatten Künstler aus allen 27 EU-Ländern an der Großcollage „Entropa“ mitgewirkt. Am Dienstagabend dann der Paukenschlag, als bekannt wurde, dass Cerny sich die Namen und Biographien der Co-Künstler kurzerhand ausgedacht und ganz Europa im Namen der tschechischen Ratspräsidentschaft an der Nase herumgeführt hat.

In Cernys Vision war etwa Frankreich „en grève - im Streik“, Spanien zubetoniert, für Polen hissten zwei Priester die Homosexuellen-Flagge. Deutsche Autobahnen ergaben, mit etwas Fantasie, ein Hakenkreuz, Luxemburg war „Zu verkaufen“. Mit der europäischen Idee, sich auf Gemeinsames zu verständigen und Angriffe auf nationale Eigenheiten zu unterlassen, hat „Entropa“ also wenig gemeinsam.

Als der Bluff aufflog, musste Prag eilig klein beigeben. Europaminister Alexandr Vondra gestand Dienstagabend: „Ich wurde unangenehm überrascht davon, festzustellen, dass der Urheber des Kunstwerks „Entropa“ in Wirklichkeit David Cerny war und es nicht von 27 Künstlern, die alle EU-Mitglieder repräsentieren, gebaut wurde.“ Was nun zu tun sei, werde man am Donnerstag mitteilen. In jedem Fall trage Cerny die volle Verantwortung, so Vondra.

Doch ganz so einfach funktioniert die EU-Ratspräsidentschaft nicht, das hatte Prag schon beim ersten Patzer gelernt. Nachdem der Chefsprecher des tschechischen EU-Vorsitzes, Jiri Potuznik, den Vormarsch israelischer Bodentruppen in den Gazastreifen als „Selbstverteidigung„ bezeichnet hatte, mussten sich Außenminister Karel Schwarzenberg und Ministerpräsident Mirek Topolanek für den „groben Fehler“ entschuldigen. Schwarzenbergs anschließende Vermittlungsmission in Nahost scheiterte dennoch, in der arabischen Welt zweifelte man an der neutralen Position der Tschechen.

In Sachen „Entropa“ kritisierte nun sogar schon das verbündete Bulgarien die Prager Führung. Die Darstellung Bulgariens als „Hocktoilette“ sei ein „Ausdruck schlechten Geschmacks“, erklärte das Außenministerium in Sofia nach Medienberichten vom Mittwoch und forderte, den Teil der Installation zu entfernen.

„Wir wollten herausfinden, ob Europa über sich selbst lachen kann“, schrieb unterdessen Cerny in einem offenen Brief. Das ursprüngliche Konzept habe aus „Gründen der Zeit, Produktion und Finanzen“ nicht verwirklicht werden können, „ohne Wissen des Außenamts“ habe er sich deshalb entschieden, gemeinsam mit den tschechischen Künstlern Kristof Kintera und Tomas Pospiszyl ans Werk zu gehen. Sogar Internet-Seiten richteten sie für einzelne der erfundenen Identitäten ein.

Cerny ist für Witz und Ironie in seinen Skulpturen bekannt. Die Bronzefigur „Quo Vadis“ – ein vierbeiniger „Trabbi“ – erinnert etwa im Original in Leipzig und als Kopie im Park der Deutschen Botschaft in Prag an die Ausreise von DDR-Bürgern im Herbst 1989.

Was aber soll mit „Entropa“ nun geschehen? „Vermutlich müssen wir den ganzen Kram abbauen“, sagte ein tschechischer Diplomat am Mittwoch, der aus „EU-Räson“ anonym bleiben wollte. Nach offizieller, aber wohl bald überholter Darstellung wollte Prag das Kunstwerk im Brüsseler Hauptquartier eigentlich bis zum 30. Juni von Cerny mieten, und das für 50 000 Euro.

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