"Ratte" und "Trottel" werden gesucht
Spuren der Attentäter führen in Belgrader Unterwelt

„Legionär“, „Albaner“, „Pate“, „Ratte“, „Trottel“, „Wolf“ und ähnliche Spitznamen sind den Zeitungslesern in Serbien bestens bekannt. Es handelt sich um die Führung des berüchtigten „Zemun-Clans“, deren 23 Mitglieder jetzt von den Behörden wegen des Mordes an Regierungschef Zoran Djindjic gesucht werden.

HB/dpa BELGRAD. Der Clan zählt an die 200 Mitglieder, die mehr als 300 schwerste Straftaten begangen haben sollen, darunter mehr als 50 Morde, Sprengstoffanschläge, Attentate und Entführungen. Die Bande kontrolliere den Rauschgifthandel im gesamten Raum des früheren Jugoslawiens, heißt es im Steckbrief.

Es sei die „mächtigste Verbrecherorganisation“ auf dem ganzen Balkan, sagte der serbische Vizeregierungschef Zoran Korac am Donnerstag. Die Bande setzt sich aus Schwerverbrechern und kaltblütigen Mördern, früheren Sonderpolizisten, Drogenhändlern, ehemaligen französischen Fremdenlegionären, fronterfahrenen serbischen Freischärlern und hochdekorierten Geheimdienstlern zusammen.

Sie waren alle jahrelang in Diensten oder wurden vom früheren mächtigsten Mann Serbiens, Slobodan Milosevic, geduldet. Jetzt wollten sie Serbien in das Chaos stürzen und das alte Regime wiederherstellen, meint Justizminister Vladan Batic. „Jeder Staat hat seine Mafia, aber unsere Mafia wollte ihren Staat haben“, sagt er.

Dieser Clan soll die Scharfschützen bestellt haben, die Djindjic vor dem Eingang ins Regierungsgebäude mit zwei Kugeln tödlich getroffen haben. Trotz einer groß angelegten Polizeiaktion, die am Donnerstag andauerte, konnten die Behörden erst einige Festnahmen bestätigen. Die Anführer, Milorad Lukovic alias „Legija“, und Dusan Spasojevic, genannt „Siptar“ (verächtliche serbische Bezeichnung für Albaner), seien von „bestochenen Polizisten und Richtern“ vorgewarnt worden und befänden sich auf der Flucht, sagte Korac.

Der Clan hatte seine Zentrale im Belgrader Stadtteil Zemun, wo er ganze Straßenblöcke für sich abgesperrt, mit schwer bewaffneten Leibwächtern und Video-Kameras abgesichert und Luxuswohnungen errichtet hatte. Seine Mitglieder konnten über ein Jahrzehnt lang ungestört ihrer kriminellen Tätigkeit nachgehen.

„Legija“ hatte sich während der Massendemonstration gegen Milosevic am 5. Oktober 2000 in Belgrad von seinem bisherigen Herren abgewandt und geweigert, seiner berüchtigten SAK-Einheit den Schießbefehl zu geben. Dadurch habe er zahlreiche Menschenleben gerettet, sagte Djindjic später. Dieser „Verdienst“ solle aber nicht als Schutz vor der Strafverfolgung dienen, warnte der Ministerpräsident unlängst. Damit habe er sein Todesurteil unterzeichnet, meinen viele in Belgrad.

Unangenehme Journalisten wurden krankenhausreif geschlagen, als sie über die Untaten des Clans schrieben. Andere Medienleute wurden wiederum dafür bezahlt, damit sie in ihren Artikeln die Mörder und Erpresser als „serbische Patrioten“ und „Kriegshelden“ darstellten und Djindjic und seine Reformpolitik als „Volksverrat“ und „Ausverkauf“ anprangerten. „Legija“ soll sogar ein buntes Revolverblatt finanziert haben.

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