Reaktorschließung ändert nichts an Energiekonzept
Schweden kommt ohne Atomkraft nicht aus

Schwedens sozialdemokratischer Regierungschef Göran Persson gab sich am Dienstag kämpferisch: „Jeder muss einsehen, dass die Zeit der Atomkraft vorüber ist“, sagte er einen Tag, nachdem sein Wirtschaftsminister Leif Pagrotsky die Schließung des zweiten der ursprünglich zwölf schwedischen Atomreaktoren bekannt gegeben hatte. Danach soll bereits im kommenden Jahr der Reaktor Barsebäck 2 gegenüber der dänischen Hauptstadt Kopenhagen vom Netz genommen werden.

STOCKHOLM. Trotz markiger Sprüche ist Schweden weit davon entfernt, der Kernenergie endgültig Ade zu sagen. Auch Minister Pagrotsky will sich nicht auf ein Enddatum festlegen. Vielmehr baut das Land auf internationale Energie-Kooperationen. Die in Schweden tätigen Energiekonzerne planen zudem Investionen in Milliardenhöhe, um die Kapazität der befindlichen Atomreaktoren deutlich zu steigern.

Über das Baltic Cable zwischen Südschweden und Schleswig Holstein und ein Kabel aus Polen importiert das Land bereits in kalten Wintern ständig mehr Strom, auch Atomstrom. Gleichzeitig wurde vergangene Woche die Verlegung eines Kabels zwischen Nordfinnland und Schweden beschlossen. Nicht zufällig endet die Leitung auf finnischer Seite an dem Ort, an dem Finnland als erstes westeuropäisches Land wieder einen neuen Atomreaktor, seinen fünften, bis 2008 mit Siemens-Technik bauen will.

„Wir vertrauen auf unsere Nachbarn“, sagt Stieg Claesson von dem im Besitz der deutschen Eon befindlichen Sydkraft in Malmö. Sein Konzern ist Hauptaktionär an dem 600 Megawatt-Atomreaktor in Barsebäck am Öresund, der im kommenden Jahr geschlossen werden soll. Die Eon-Tochter Sydkraft leidet finanziell nicht unter der Schließung, da das Unternehmen mit Kernenergie aus den anderen zehn schwedischen Reaktoren kompensiert wird.

Die Schließung des zweiten Barsebäck-Reaktors wurde am Montag nur kurz nach dem Scheitern zweijähriger Verhandlungen mit der Energiebranche über einen kompletten Atomausstieg bekannt gegeben. Anders als in Deutschland konnten sich Regierung und Energiebranche nicht auf einen Ausstiegsplan einigen.

Mit der Schließung des zweiten Barsebäck-Reaktors setzt die Regierung nach außen hin ihren vorsichtigen Weg aus der Atomenergie fort, nachdem das nach einer Volksabstimmung festgelegte Datum 2010 für den endgültigen schwedischen Atomausstieg bereits 1996 gestrichen wurde. Der erste der beiden 600 Megawatt-Reaktoren in Barsebäck gegenüber der dänischen Hauptstadt Kopenhagen war 1999 nach jahrelangen Diskussionen vom Netz genommen worden. Da das Land jedoch die Hälfte seiner Elektrizität aus der Atomenergie bezieht und keine Alternativen entwickelt hatte, konnte der zweite Reaktor nicht wie geplant im Folgejahr abgeschaltet werden.

Für die großen Energiekonzerne ist das Atomzeitalter in Schweden noch lange nicht beendet. Gerade planen Sydkraft, Fortum aus Finnland und der staatliche schwedische Stromversorger Vattenfall eine kräftige Kapazitätssteigerung in den befindlichen Reaktoren. Für vier Mrd. Euro wollen sie den Wegfall von Barsebäck mehr als kompensieren, so dass der Anteil des schwedischen Atomstroms in den kommenden Jahren noch steigen wird. Das Vorhaben ist genehmigungspflichtig, doch bei Sydkraft betont man, dass „bisher niemand Nein gesagt hat“.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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