Rede an der Humboldt Universität
Trichet im Berliner Clash der Kulturen

Der scheidende EZB-Chef Trichet forderte an der Berliner Humboldt Universität in einer Rede die Europäer zu mutigen Schritten zu einer tiefgreifenden politischen Union auf. Nicht alle waren damit einverstanden.
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BerlinEine Rede an der Berliner Humboldt Universität zählt zu den höheren Weihen, die einem Politiker in Deutschland zuteil werden können. Das erklärt, warum EZB-Präsident  Jean-Claude Trichet am Montag  Abend nach Berlin eilte, obwohl ihm die nächtelangen Verhandlungen um die nächste Etappe der Euro-Rettung in den Knochen steckten. Grau wie der Vorhang im Audimax saß der Präsident auf der Empore. Noch eine Woche im Amt bleibt ihm, bevor er nach acht Jahren an den Italiener Mario Draghi übergibt.

Aber Berlin ist nicht Frankfurt, hier sitzen nicht vorzugweise elegant gekleidete Banker im Auditorium, die andächtig lauschen, sondern hier verlangt der genius loci, dass die Rede eines Bankpräsidenten zünftig gestört wird – auch wenn er gar keine Geschäfts-, sondern die Zentralbank führt.

Trichet hatte gerade das Publikum und fast auch sich selber mit ausführlichen Darlegungen zur „Sterilisierung unserer unkonventionellen Maßnahmen“ in eine Art wohligen Dämmerzustand geredet, als der fast schon obligatorische Protest losbrach: „Keine Lügen mehr, Schluss mit der Tyrannei der Banken“ skandierte eine eher schmale Truppe von Protestlern, die aber schon bald wieder verstummte.

Trichet brachte das kein bisschen aus der Ruhe. Routiniert führte er seine Rede zu Ende, wiederholte seine Forderung nach Schaffung eines europäischen Finanzministeriums und deutete an, dass Europa eine Art föderales System brauche – „aber das sage ich persönlich, als europäischer Bürger“.

Auch die melodramatische Kurzansprache – „wir werden uns opfern für Ihr Sanierungsprogramm, wir opfern unsere Erziehung und Zukunft, wir opfern sogar unser eigenes Leben“ - eines Teilnehmers, der sich als griechischer Anwalt aus Piräus vorstellte, konnte Trichet nicht richtig wachrütteln.

Das gelang erst einer weiteren, deutlich jüngeren Protestlerin, die dem EZB-Präsidenten ohne Mikro ihre Kritik ins Gesicht schrie: „Können Sie von 470 Euro leben? Sie vernichten uns! Ich höre mir Ihr Gequatsche nicht länger an, ich gehe!“ Da wurde der von der Euro-Krise wie Lazarus gezeichnete plötzlich munter: „Gerade um solche Zustände zu überwinden versuchen wir, den Euro und das Finanzsystem zu stabilisieren.“

Was die Kritikerin mit einem lauten „Lügner!“ quittierte. Trichet nahm es nicht persönlich, sondern witzelte nur: „Madame, sind Sie doch noch da?“. Wer Nicolas Sarkozy und Angela Merkel ertragen hat, der lässt sich auch von der Berliner Protestkultur nicht erschüttern.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

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  • Es war die erwartete Rede eines Franzosen, der nur für sein Land spricht, und wie er das meiste Geld der EU-Zahler in sein überschuldetes Land holt. Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Es war für mich, keine Visionär rede für Europa.
    Danke

  • Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Mit Volldampf in die europäische Katastrophe. Naja, so werden Schäuble und Merkel sicherlich einen hochverdienten Platz in den Geschichtsbüchern erhalten: als Täuscher, Lügner; gefangen in paranoiden Wahnvorstellungen, die "Vereinigten Staaten von Europa" auf den Weg zu bringen.

  • Kompliment an Ihren Reporter. Er berichtet genau von den Vorfällen und schwätzt nicht lang. Halten!

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