Rede im libyschen TV
Gaddafi will „bis zum letzten Blutstropfen kämpfen“

Gaddafi hat seinem Volk in einer wirren Rede im Staatsfernsehen den Krieg erklärt. Mord, Anarchie, Plünderungen - Libyen steht kurz vor dem Zusammenbruch: Sein UNO-Botschafter spricht von Völkermord im eigenen Land.
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KairoPanzer, Kampfflugzeuge, Hubschrauber und eine wildgewordene Soldateska schießen auf Demonstranten, hunderte Tote, tausende Verletzte und Zehntausende auf der Flucht: In dieser Situation hat Gaddafi im Fernsehen die Demonstranten als Ratten und Drogensüchtige beschimpft. Rücktritt oder Flucht ins Exil lehnte er ab. Er habe kein Amt in Libyen inne, von dem er zurücktreten könne, giftete der Machthaber und las mit theatralischer Geste aus seinem Grünbuch vor. Den Aufständischen warf er vor, sie wollten die Einheit Libyens zerstören und das Land in einen islamischen Staat verwandeln.

Doch je härter der Gaddafi-Clan um sich schlägt, umso mehr schwindet seine Macht: Der gesamte Osten des Landes einschließlich der Grenzstation zu Ägypten ist bereits in der Hand der Aufständischen. Tausende ägyptische Gastarbeiter verlassen Libyen auf dem Landweg. Sie berichteten von Mord, Plünderungen und kompletter Anarchie. Die Gegner des Staatschefs kontrollieren nach eigenen Angaben mittlerweile 90 Prozent des Landes.

In New York trat der UN-Sicherheitsrat auf Antrag libyscher UN-Diplomaten zusammen, die ihre Ämter aus Protest gegen das Blutbad in ihrer Heimat niedergelegt hatten. Libyens Vizebotschafter Ibrahim Dabbashi sprach im Sicherheitsrat von einem „beginnenden Völkermord“.

Die wichtigsten Nationen der Welt konnten sich im Sicherheitsrat zwar nur wie oft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen, doch auch sie fordern: Das Töten muss sofort aufhören. Gegen Menschen, die berechtigte Forderungen vorbrächten, dürfe nicht mit Waffen vorgegangen werden, heißt es in einer Erklärung, die nach einer Sondersitzung des höchsten UN-Gremiums am Dienstagabend in New York veröffentlicht wurde.

Zuvor hatte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rund 40 Minuten lang dem Machthaber ins Gewissen geredet und in scharfem Ton verlangt, "die Gewalt gegen die Demonstranten zu beenden". Aus aller Welt hagelte es empörte Warnungen an die Adresse des Regimes - die Europäische Union und Deutschland drohten Gaddafi bereits mit Sanktionen.

Gaddafi will als Märtyrer sterben

Doch der gibt sich völlig ungerührt. Mehr als eine Stunde dauerte der bizarre Auftritt von "Bruder Führer" Muammar Gaddafi im staatlichen Fernsehen, aufgenommen in den Trümmern der 1986 von einem amerikanischen Luftangriff zerstörten Villa des selbsternannten Revolutionsführers auf dem Areal der Militärbasis Bab al-Azizia. Immer wieder verlor er den Faden, starrte schweigend auf sein Manuskript. Den Protestierern drohte er unverhohlen mit Tod und Blutvergießen, lehnte jedes Einlenken ab und kündigte an, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen und als „Märtyrer“ sterben zu wollen. Dann beendete er seine bizarre Rede mit den Worten "Revolution, Revolution".

Gaddafi hat alle Fäden fest in der Hand, sollte dieser Auftritt wohl suggerieren, sekundiert von der Propaganda-Maschine des libyschen Staatsfernsehens. "Alles Lügen" seien die Behauptungen, die Sicherheitskräfte hätten die Protestierer in verschiedenen Städten und Ortschaften massakriert. "Das ist Teil der psychologischen Kriegsführung gegen Libyen", stand auf einem roten Nachrichtenband des Kanals "Al-Jamahiriya Two" zu lesen. Die von außen gesteuerte Hetzkampagne habe nur das Ziel, "unsere Moral, unsere Stabilität und unseren Reichtum" zu zerstören. Die Sicherheitskräfte seien lediglich dabei, Gruppen von Terroristen niederzukämpfen.

Gaddafi ist die Sicherheit und der Zusammenhalt seines Landes offenbar völlig gleichgültig: Er forderte seine Anhänger auf, die Straßen zurückzuerobern. Landesweit sollten sie am Mittwoch für ihn demonstrieren. „Geht alle auf die Straße“, rief er.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bestürzt auf die Fernsehansprache reagiert. Gaddafi habe seinem Volk "den Krieg erklärt", sagte Merkel am Dienstagabend in Berlin. Seine Worte seien "sehr sehr erschreckend" gewesen. Die Bundesregierung fordere Gaddafi auf, sofort und konsequent die Gewalt zu beenden. Geschehe dies nicht, müsse über Sanktionen gegen das nordafrikanische Land gesprochen werden. US-Außenministerin Hillary Clinton verurteilte das Blutvergießen in Libyen als „völlig inakzeptabel“.

Auch der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi soll am Dienstag mit dem libyschen Staatschef telefoniert haben. Das Gespräch habe am Nachmittag stattgefunden, erklärte das Büro Berlusconis. Weitere Einzelheiten seien genannt worden. Berlusconi hat Gaddafi in der Vergangenheit als seinen „Freund“ bezeichnet. Gaddafi war mehrmals in Rom zu Besuch.

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Kommentare zu " Rede im libyschen TV: Gaddafi will „bis zum letzten Blutstropfen kämpfen“"

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  • Flugzeuge zu benutzen in 21. Jahrhundert gegen friedliche Demonstranten. Die Welt schaut zu und lässt es zu den vorhandenen Kampfmaschinen benutzt zu werden.
    Diese Gewalt kann zu uns nach Europa schwenken. Noch ist es ruhig aber wenn nicht sofort diese Gewalt gestoppt werde - wird das Blutvergießen sich ausweiten.
    Wir können wollen es doch nicht zulassen.
    Zerstörte Städte, Leid und Trauer!
    Einst wo nicht lange Urlauber, Firmen, ihre Zukunft sahen.
    Stoppt Gewalt und Krieg... es gibt keine Gewinner und keine Verlierer....!
    Einzige Chanche zu Gewinnen ist NUR Frieden.Die Weltgeschichte hat es schon vorgemacht - WIR brauchen keinen KRIEG!

  • Unglaublich wie wenig, in den bisherigen Kommentaren auf die Lage in Libyen Stellung genohmen wird.
    Stattdessen wirre Beiträge!
    "Deutschland kein souveräner Staat" ?

    Alle Achtunt. Anstatt ständig über das politische System in Deutschland abzuziehen, sollten sich hier einige besser mal selbst hinterfragen.

    In Deutschland ein Aufstand der Straße? Erfahrungen der Geschichte zeigen doch eigentlich zu genüge, dass aus solchen Bewegungen meist nichts gutes hervorgeht.

    Veränderungen in Deutschland müssen von Ihnen herauß geschehen, um größere Verwerfungen nach Möglichkeit vermeiden.

    Also dann, werdet aktiv in der Politik und versucht aktiv die Zukunft zu gestalten!

    Aber zurück zum Thema.

    Abschließend bleibt zu sagen, das zum Glück die Verghältnisse in Deutschland mit dennen in Libyen zum Glück in keinster Weiße zu vergleichen sind.

    Ich hoffe nur, dass das Blutvergießen möglichst bald gestoppt wird, und dieser Diktator für seine unmenschlichen Taten zur Rechenschaft gezogen wird.
    Jedoch dürfte dies sehr zu bezweifeln sein..

    Eine Frage bleibt, warum schaut die westliche Welt nur zu wenn solche "Völkermorde" passieren?
    Warum wurde nicht längst aus Vorfällen wie in Somalia, Sudan ... gelernt....???

  • Unsere Politiker glänzen mit ähnlichen wirren Auftritten wie Gaddafi sie im TV bot. Auch haben die deutschen Politiker noch nicht begriffen, dass die Mehrheit des deutschen Volks nicht mehr hinter ihnen steht. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese Polit-Kaste bald selbst abdankt und das Volk nicht zwingt seine Wünsche mit entsprechendem Nachdruck zum Ausdruck bringen. Der deutsche Bürger ist sehr geduldig, aber jetzt läuft das Fass über.

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