Redenschreiben für den Präsidenten
Obamas Gedankenleser

Jon Favreau ist erst 27 Jahre alt und er sieht aus wie ein großer Junge – aber dennoch war er es, der Obamas Rede vor dem Kongress in Worte gefasst hat. Dass dies so ist hat einen einfachen Grund.

WASHINGTON. „Fav“, wie ihn seine Freunde nennen, hatte in den letzten 24 Monaten nahezu unbegrenzten Zugang zu Barack Obama. Favreau war während der gesamten Wahlkampagne stets in der Nähe des Kandidaten und schrieb diesem die Reden auf den Leib. Favreau weiß, welche Sätze zu dem neuen Präsidenten passen – und welche nicht. Und genau darauf kommt es an, soll eine Rede authentisch wirken und ankommen.

Um seine Ruhe zu haben, so berichtet „US News & World Report“ kürzlich, zieht sich der Junggeselle, der ein Ein-Zimmer-Appartement in der Nähe des geschäftigen Dupont Circle in Washington bewohnt, schon mal gerne in ein Café zurück. Dort tippt er in sein Laptop Redenentwürfe. Und wenn die Fristen zur Abgabe der Texte näher rücken, dann können schon einmal 16 Stunden Arbeit am Stück daraus werden.

Favreau ist der Typus Mitarbeiter, von dem Wahlkampagnen und Präsidenten leben: Ungebunden, ambitioniert, engagiert, ohne Murren über lange Arbeitszeiten aber dafür beseelt von dem Glück dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird. So lebte auch Favreau, als er bei Obama einstieg. Gemeinsam mit sechs Freunden bewohnte er ein Haus in Chicago und warf sich kopfüber in das Wahlkampfabenteuer eines absoluten Aufsteigers – bei Obama. Heute allerdings arbeitet Favreau nicht mehr in Sweater und Jeans für Obama sondern in Anzug und Krawatte aus seinem kleinen Büro im Basement des Weißen Hauses.

Die Rede vor dem Kongress ist nicht Favreaus erste große Herausforderung für den Präsidenten. Der 27-Jährige legte schon einen Entwurf für die Ansprache vor, die Obama bei der Vereidigung vor rund fünf Wochen hielt. Zuvor hatte er ungezählte Reden studiert, die Obamas Vorgänger bei dieser Gelegenheit gehalten hatten, manche mit reichlich Pathos, manche knapp und nüchtern, andere langweilig und schnell vergessen.

Obama entschied sich angesichts der Dramatik der ökonomischen Lage für die eher nüchterne Variante und verzichtet auf all zu visionäre Worte. Dem neuen Präsidenten ging es am 20. Januar darum, für diesen Moment zu sprechen – nicht für Generationen. Dafür sei später noch Zeit. Favreaus setzte genau diese Leitidee im Obama-Sprachstil um. Weil er das so gut kann, nennt ihn der Präsident anerkennend „meinen Gedankenleser“.

Dass er einmal so nah dran sein würde an der Macht hatte sich Favreau nicht erträumt, als er 2003 sein Studium am College Holy Cross in Worcester, Massachusetts beendete. Er machte in 2004 zwar bei John Kerrys Präsidentschaftskampagne als Assistent in der Pressestelle mit und traf im gleichen Jahr auch schon einmal kurz mit Obama zusammen, als dieser seine vielbeachtete Rede auf dem Parteitag der Demokraten in Boston hielt. Doch damals reagierte Obama auf die kurze Begegnung noch etwas verwirrt und soll über den 23-Jährigen gesagt haben: „Wer ist dieser Junge?“

Doch irgendwie blieb Obama Favreau in Erinnerung und zwei Jahre später lud er ihn zu einem Frühstück in den Senat ein. Da erklärte Favreau, was er unter einer guten Rede versteht: Die soll so zugeschnitten sein, dass sie am Ende den Kreis der Leute erweitert, der sich für den Inhalt interessiert. Das gefiel Obama – und er gab dem jungen Mann eine Chance.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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