Referendum
Brexit-Szenario befeuert Schottlands Unabhängigkeitsfantasien

In knapp zwei Wochen stimmen die Briten ab, ob sie in der EU bleiben. Die Schotten, die nicht gegen ihren Willen zum Austritt aus der EU gezwungen werden wollen, denken über ein neues Unabhängigkeitsreferendum nach.

GlasgowAndrew Fraser hat sich entschieden. Der Bauarbeiter aus Schottland will beim Brexit-Referendum am 23. Juni für den Verbleib Großbritanniens in der EU stimmen. „Nicht weil mir so viel an Europa liegt“, gibt er freimütig zu, „sondern weil ich will, dass Schottland unabhängig wird.“ Frasers Strategie: mit einem Pro-EU-Votum die englischen Nationalisten ärgern, so dass diese die Schotten loswerden wollen.

Egal aus welchen Gründen - die Debatte über Großbritanniens Zukunft in der Europäischen Union ist scheinbar unwillkürlich mit der Frage der Unabhängigkeit Schottlands verknüpft. Der britische Premierminister David Cameron und seine Vorgänger Tony Blair und John Major haben vor einem Zerfall des Vereinigten Königreichs gewarnt, sollten die EU-Gegner bei der Volksabstimmung am 23. Juni in der Mehrheit sein.

Generell gelten die Schotten als europafreundlicher als die Engländer. Umfragen zufolge dürfte ein Austritt Großbritanniens aus der EU der Unabhängigkeitsbewegung neuen Schwung verleihen. Erst im September 2014 hatten die Schotten eine Loslösung von Großbritannien mit knapper Mehrheit abgelehnt. Ein Brexit gegen den Willen der Schotten könnte die Stimmung kippen lassen.

Diese Ansicht vertritt unter anderem der Politikwissenschaftler John Curtice, Autor des Blogs „What Scotland Thinks“. Der bekannte Wahlforscher verweist auf eine Reihe von Umfragen, wonach das Lager der Unabhängigkeitsbefürworter im Falle eines Brexits mit einem Zuwachs von vier bis fünf Prozentpunkten rechnen könnte. „Das ist genug, um eine knappe Mehrheit für die Einheit in eine knappe Mehrheit für die Unabhängigkeit zu verwandeln“, prognostiziert Curtice.

Premierminister Cameron sagte am Mittwoch im Unterhaus, er fürchte, dass ein Austritt Großbritanniens aus der EU zu einem zweiten schottischen Unabhängigkeitsreferendum führen werde. Die Brexit-Befürworter halten derartige Aussagen für ein taktisches Manöver der politischen Gegner.

„Sie klammern sich an jeden Strohhalm“, sagte der stellvertretende Leiter der „Vote Leave“-Kampagne, Brendan Davy. Es handle sich um den „verzweifelten Versuch, die Leute zu erschrecken und einzuschüchtern“, damit sie für den Verbleib in der EU stimmen würden. Schließlich seien auch viele schottische Nationalisten für den Brexit. „Wer möchte, dass das schottische Parlament mehr Macht bekommt, der sollte für den Austritt aus der EU stimmen“, erklärte Davy.

Dagegen hält auch die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon ein neues Unabhängigkeitsreferendum im Falle des Brexits für denkbar. Zu den genauen Voraussetzungen für ein solches Szenario hat sich die Vorsitzende der Schottischen Nationalpartei (SNP) allerdings nicht geäußert. Bislang hieß es lediglich, die SNP werde eine zweite Abstimmung nur dann initiieren, wenn es eindeutige Hinweise gebe, dass die Mehrheit der Schotten dies wünsche.

So oder so dürften sich die schottischen Nationalisten in Geduld üben müssen, glaubt James Mitchell, Politik-Professor an der Universität von Edinburgh. „Es würde viel davon abhängen, welche Vereinbarungen für den Brexit-Fall mit der EU getroffen werden“, sagt er.

Schottland würde als EU-Mitglied nicht unbedingt die gleichen Konditionen genießen wie derzeit Großbritannien. „Wir würden wahrscheinlich mit offenen Armen empfangen werden, aber wir müssten sehr genau auf die Bedingungen schauen“, sagt der Politikwissenschaftler Thomas Lundberg, der an der Universität von Glasgow lehrt. Es sei auch denkbar, dass London zu Zugeständnissen bereit sei, wenn Schottland Teil Großbritanniens bleibe. „Was auch immer passiert, Schottland ist vermutlich in einer günstigen Position für Verhandlungen mit der EU oder mit dem Vereinigten Königreich.“

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
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