Referendum zu Friedensabkommen mit Farc
Schicksalswahl in Kolumbien

Am Sonntag stimmen die Kolumbianer über das Friedensabkommen mit der Farc ab. Vor dem Referendum ist unser Korrespondent in das Land gereist – und hat die vom Bürgerkrieg erschütterte Provinz Cauca besucht.

PopayánIn diesen Tagen, in den zwei Wörter über das Schicksal eines ganzen Landes entscheiden, geht es überraschend ruhig in Kolumbien zu. „Ja“ oder „Nein“ – auf diese Frage heruntergebrochen werden am Sonntag fast vierjährige Verhandlungen über Krieg oder Frieden in dem südamerikanischen Land.

„Unterstützen Sie das endgültige Abkommen zur Beendigung des Konflikts und den Aufbau eines stabilen und dauerhaften Friedens“?, steht auf dem Wahlzettel für das Referendum. Und dahinter verbirgt sich nicht weniger als die Frage: Sind 19.000 Tage Krieg genug für ein Land, das von seinen Voraussetzungen her zu den erfolgreichsten Lateinamerikas gehören könnte? Bei den Kämpfen zwischen staatlichen Sicherheitskräften, linken Rebellen und rechten Paramilitärs kamen mehr als 220.000 Menschen ums Leben, Millionen wurden vertrieben. Wirtschaft und Infrastruktur wurden durch den Krieg zurückgeworfen.

Am Sonntag (2. Oktober) stimmen die Kolumbianer über das am Montag unterzeichnete Friedensabkommen ab. Die jüngsten Umfragen sehen die Befürworter vorn: Zwischen 66 und 55 Prozent wollen mit Ja stimmen, die Gegner des Vertrags kommen auf 38 bis 34 Prozent. Um gültig zu sein, müssen in dem Plebiszit mindestens 13 Prozent der Wahlberechtigten – rund 4,5 Millionen Menschen – für oder gegen das Abkommen stimmen. Sollte das Abkommen abgelehnt werden, könnten sich die Farc gezwungen sehen, den bewaffneten Kampf fortzusetzen.

Wer angesichts dieser Schicksalswahl gedacht hätte, die Städte seien zugepflastert mit Propaganda oder die Menschen würden über kein anderes Thema mehr sprechen, sieht sich getäuscht. Nur wer Fernsehen oder Radio anschaltet und aufmerksam die Zeitungen liest, bekommt eine Idee von der Bedeutung der Entscheidung für das Land. Die Medien trommeln fast rund um die Uhr für das Friedensabkommen. Aber den Menschen in den großen Städten ist der Krieg in weite Ferne gerückt, seit die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) sich schon vor Jahren vom urbanen Kampf losgesagt haben: „Für die Stadtbewohner ist der Bürgerkrieg manchmal so fern wie der Krieg in Syrien“, sagt der Konfliktexperte Alejo Vargas von der Nationalen Universität in Bogotá.

Also bin ich in den Südwesten Kolumbiens gefahren, nach Cauca. Die bergige und grüne Provinz ist eine der Regionen des Landes, die am härtesten unter dem 52 Jahre währenden Bürgerkrieg gelitten hat. Hier ist eine der Ursprungsregionen der Farc. Die Guerilla war in Cauca sehr stark – zeitweise sei sie in mindestens 40 Prozent der Provinz präsent gewesen, schätzen Experten. In Cauca wurde im November 2011 der damalige Rebellen-Chef Alfonso Cano getötet.

Cauca ist reich an Mineralien, Wasser und Kohle – des eines der größten Koka-Anbaugebiete des Landes und zudem ein wichtiger Korridor zur Pazifikküste. Kurzum: In der Region bündeln sich fast alle Probleme Kolumbiens: Illegaler Bergbau, Drogenschmuggel, Landraub, Erpressung. Neben der Farc und der kleinen Guerilla-Organisation ELN mischen dort paramilitärische Gruppen, Drogenschmuggler und gewöhnliche Kriminelle mit.

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