Reformen in Spanien
Zoff im Urlaubsparadies

Mit harten Reformen und Einsparungen will die Regierung Spanien schlank und fit machen, um das Land gegen den Griechenland-Virus zu feien. Doch die Menschen fürchten den sozialen Abstieg - und streiken gegen die Reform.
  • 11

Auf ihren Kaffee oder das Bier in der Sonne müssen deutsche Urlauber in Mallorca auch heute nicht verzichten - obwohl die Gewerkschaften in ganz Spanien zum Streik aufgerufen haben. „Ungefähr die Hälfte der Läden und Cafés in Palma sind geschlossen“, schätzt Juan José, Besitzer des Cafés „Abaco“ in Palma de Mallorca. Aber seine Gäste stehen nicht vor geschlossenen Türen. „Ich bin zwar auch nicht einverstanden mit der Reform der spanischen Regierung, aber ich muss mein Café geöffnet halten, ich brauche das Geld“, sagt er. Er ist sich sicher, dass es vielen anderen auch so geht. „Der Streik wird deshalb nicht die Meinung der Menschen spiegeln.“

Hauptgrund für den landesweiten Streik sind die Gesetze zu Arbeitsmarktreform, die im Februar als Teil des großen Sparpakets des konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy (PP) verabschiedet wurden. Die Einschnitte durch die neuen Regeln sind gewaltig - aber nur Teile des umfassenden Programms, mit denen die Regierung die Einnahmen erhöhen, die Ausgaben zusammenstreichen und somit jeden Verdacht abschütteln will, dass Spanien doch noch in den Strudel der Euro-Krise geraten könnte.

Ziel der Arbeitsmarktreform ist es, dass Unternehmen künftig leichter und wesentlich billiger Mitarbeiter entlassen können. Zudem können sie die Löhne einseitig senken, wenn sie sich in einer wirtschaftlichen Notlage befinden. Die Reform soll den Arbeitsmarkt flexibilisieren und wird in Spanien oft mit der deutschen Arbeitsmarktreform aus dem Jahr 2003 verglichen. Zusätzlich angeheizt hat Rajoy die Stimmung durch seine Ankündigung, am Freitag weitere Budgetkürzungen von rund 15 Prozent vorzunehmen. Bisher hatte er stets von 12 Prozent geredet. 

Vor allem in den größten Städten wie Madrid und Barcelona sowie ganz Nordspanien wird gestreikt. Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurden 58 Menschen festgenommen und insgesamt neun Polizisten und Demonstranten verletzt. Laut Gewerkschaftsangaben streiken landesweit 85 Prozent der Spanier. Auf den Balearen liegt die Beteiligung jedoch nur bei 68 Prozent. 

Auch die Stadt San Sebastián an der Küste Nordspaniens lebt wie Palma de Mallorca größtenteils vom Tourismus. Doch in der baskischen Stadt sieht die Situation anders aus. Fast alle Läden sind geschlossen, auf dem Boulevard stehen die Stühle der Cafés auch am Vormittag noch immer aufgestapelt am Rande. Der Boden ist übersät mit Flugblättern, die zum Streik aufrufen. 

In dieser Region Spaniens sind die Gewerkschaften besonders aggressiv, beim letzten Generalstreik mussten die Streikbrecher damit rechnen, dass ihre Schaufensterscheiben mit Steinen eingeschmissen werden. Und so machen auch viele mit, die eigentlich nicht mitmachen wollen beim Protest gegen die Regierung.

Kommentare zu " Reformen in Spanien: Zoff im Urlaubsparadies"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • So war die EURO-Geschichte doch schon lange geplant:

    Den großen crash herbeiführen und dann gleich beim Neustart die totale Transferunion und die totale EU-Diktatur einführen.

    Man wird zwar noch behaupten es sei eine Demokratie, aber da gehts dann zu wie im EZB-Rat: Die Nehmerländer bekommen so viele Stimmrechte dass sie die Geberländer nach Belieben aussaugen können.

    Ein Meisterstück langfristiger französischer Diplomatie um Deutschland endgültig auszuplündern!

    Und CDU/CSU/FDP/SPD/Grüne machen begeistert mit.

  • Nennen wir die Dinge doch beim Namen. Europa brennt, und ein Euro, für dessen Einführung die Völker Europas Anfangs dieses Jahrhunderts einfach noch nicht reif waren, hat Europa in Brand gesteckt. Hier zeigt sich die ganze
    Verblendung unserer Pseudoeliten, die etwas mit Gewalt durchsetzen wollten,das einfach nicht funktionieren konnte.
    Es zeigen sich auch die hässliche Resultate einer neoliberalen Verschwörung. Gerade Wirtschaftskreise aus der
    ekelerregenden FDP Ecke haben der skeptischen Mehrheit der Deutschen nämlich den Euro aufgepropft, weil sie sich von einem einheitlichen europäischen Währungsraum bessere Exportmöglichkeiten, bessere Umsiedlungsmöglichkeiten von Unternehmensteilen ins EU-Ausland, bessere Aussichten auf Lohndrückertum und grenzenlose europaweite Spekulations-möglichkeiten erhofften. Europa und seine Institutionen wie EU-Parlament und EU-Kommission sind eben nicht der demokratische Diener der Völker, sondern die entehrte Hure der Neoliberalen. Es gibt nur einen Ausweg, nämlich Abschaffung des Euro und die Rückkehr zu den jeweiligen Nationalwährungen. Gerade die Südeuropäer brauchen zur
    Wiedergewinnung ihrer Wettbewebsfähigkeit abwertbare eigene Währungen. Mögen auf diesem Wege die emotionalen Wunden Europas -Stichwort Hass von Griechen und Spanier auf die Deutschen- und die wirtschaftlichen Verwerfungen
    ein Ende finden. Für eine Europa des Volkswillens.
    Tod der neoliberalen Bewegung und dem willfähigen Geist ihrer Brüsseler Huren.

  • um zu verstehen, dass griechenland, spanien, portugal und irland mit den aktuellen rezepten auf jahrzehnte nicht mehr hoch kommen werden, muss man nur folgende rede von prof. fassbeck (direktor bei der unctad)verstehen:
    http://www.youtube.com/watch?v=mfKuosvO6Ac

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%