Reformen verhelfen zu Aufschwung
Vietnams Wirtschaftsmotor brummt

Wenn es Nacht wird in Saigon, ist auf der Ton Duc Thang-Straße mitten im Stadtzentrum kein Durchkommen. Umringt von einer unendlichen Flotte Motorrädern reiht sich Lastwagen an Lastwagen, jeder kämpft mit einer wilden Hup-Orgie um die nächsten Meter, um seine Ladung schnell ans Ziel zu bringen. Nur einen Steinwurf entfernt strahlen die Auslagen edler Boutiquen und Galerien um die Wette. Bezahlt wird in US-Dollar und mit Kreditkarte.

HB/dpa HO-CHI-MINH-STADT. Nirgendwo sonst als in der nach Revolutionsführer Ho Chi Minh umbenannten Millionenmetropole im Süden Vietnams brummt der Wirtschaftsmotor des kommunistischen Landes lauter und unbändiger: Sieben Prozent Wachstum erwartet die Weltbank in diesem Jahr. „Man kann jetzt von einem neuen Tiger sprechen“, sagt Jürgen Braunbach, Vorsitzender der Deutschen Kaufmannschaft in Ho-Chi-Minh- Stadt.

Die Zahlen bestätigen: In den ersten fünf Monaten 2003 schossen die Exporte um 31 Prozent in die Höhe. Neben Rohöl zählen Textilien und Agrarprodukte zu den wichtigsten Gütern, auch der Tourismus wächst. Der Einzelhandel verzeichnete im vorigen Jahr ein Plus von 13 Prozent. Zwar sackten die Auslandsinvestitionen 2002 um 40 Prozent auf 1,3 Milliarden US-Dollar ab. 1999 hatte das Volumen allerdings nur 600 Millionen Dollar betragen.

"Wer hier ist, ist sehr zufrieden“

Unter der Überschrift „Vietnam: Neu und verbessert“ fasst das Magazin „Far Eastern Economic Review“ den Wandel in dem 80 Millionen Einwohner zählenden Land zusammen: „Durch dramatische Verbesserungen bei den Gesetzen über Auslandsinvestitionen und bei der Infrastruktur hat das Land Punkte gewonnen.“ Jürgen Braunbach bestätigt: „Die Stimmung ist sehr gut. Wer hier ist, ist sehr zufrieden.“

Das sah vor drei Jahren nicht ganz so aus. Albtraumhafte Bürokratie, enorme Kosten und ein Binnenmarkt, der für Ausländer fast unzugänglich war, ließ westliche Unternehmer die Koffer packen. „Vietnam ist eine der am stärksten abgeschotteten, ineffizientesten Ökonomien überhaupt, kaum besser als jene in Angola, Libyen oder Nordkorea“, kritisierte das „Asian Wall Street Journal“ damals harsch.

Als sei ein Ruck durch die kommunistische Führung in Hanoi gegangen, folgte plötzlich eine Wirtschaftsreform der nächsten. Zuerst wurde im Jahr 2000 Privatleuten die Gründung eigener Betriebe gestattet - 53 000 Gewerbeanmeldungen in nur zwei Jahren folgten. „In Vietnam entsteht mehr und mehr Kaufkraft“, sagt ein westlicher Diplomat - und verweist auf den stetig anschwellenden Verkehr im früheren Saigon. „Von Monat zu Monat wird es schlimmer.“

Ein Ruck ging durch die kommunistische Führung

Zwar hat die Partei politisch weiterhin alles fest im Griff, Abweichler müssen nach wie vor mit harschen Strafen rechnen. „An den Kommunismus glaubt hier doch niemand mehr, nicht einmal die Regierung“, meint ein Europäer, der seit vielen Jahren in Saigon lebt. Statt von der Erfüllung von Fünf-Jahres-Plänen ist in der Staatspresse vom „Erreichen der Investitionsziele“ zu lesen.

Einiges ist dafür in Bewegung gekommen: Ausländische Unternehmer schwärmen, dass Hanoi nun auf Beschwerden reagiert und etwa Internet- Restriktionen kippt. Höhere Preise, die Fremde bisher für Telefon oder Flugtickets bezahlten, sollen bald Vergangenheit sein. Entscheidungshoheiten über ausländische Investitionen wurden von der Zentral- auf die Provinzregierungen verlagert. „Es ist inzwischen schon schwierig, bei den ganzen Deregulierungen den Überblick zu behalten, weil das alles so schnell geht“, sagt Braunbach.

Trotz unübersehbaren Booms sind deutsche Investoren noch rar in Vietnam. „Es fällt sehr schwer, Deutsche zu gewinnen, weil alle so fixiert auf China sind“, sagt der Kaufmannschafts-Vorsitzende. Immerhin hat sich Siemens um ein Stadtbahn-Projekt in Saigon im Volumen von 700 Millionen Euro beworben. „Die Aussichten, den Auftrag zu bekommen, sind sehr gut“, heißt es von Insidern.

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