Regierung von der Gewalt überrascht
Korsische Fährleute verprellen Urlauber

„Nie wieder Korsika!“ In Scharen verließen am Wochenende 15 000 Touristen die Mittelmeerinsel, die tagelang von nationalistischen korsischen Gewerkschaftern blockiert worden war.

HB AJACCIO. Bombendrohungen sorgten dafür, dass selbst die Abreise nicht ohne Spannungen verlief. Viele hatten zuvor mit Kind und Kegel die Nacht im Auto verbringen müssen. „Die Korsen wollen keine Urlauber“, sagte ein Mann verbittert. Er werde wie viele Leidensgenossen keinen Fuß mehr auf die Insel setzen, deren Form von den Korsen als „geballte Faust mit auf Frankreich weisendem Zeigefinger“ beschrieben wird.

Nach schon klassischem Muster zahlten die Urlauber die Zeche für die Politisierung eines Sozialkonfliktes durch die korsischen Nationalisten und die Akteure in Paris. Vordergründig geht es nur um die staatliche Korsika-Reederei SNCM, deren von Brüssel geforderte Sanierung trotz Dauersubventionen von fast 900 Millionen Euro seit 1991 verschleppt wurde. Premierminister Dominique de Villepin stellte die Korsen mit seinem Plan einer Vollprivatisierung vor vollendete Tatsachen. Wie üblich wurde die Regierung von der gewaltsamen Reaktion überrascht und trat nach ersten Krawallen einen Teilrückzug an. Jetzt soll der Staat weiter das Überleben der SNCM sichern. Dabei geriet der Premier unter Feuer nicht nur der Opposition, sondern auch von Heckenschützen im eigenen Kabinett.

Die Korsengewerkschaft STC, die bereits Vorrang für Korsen bei der Einstellung von Seeleuten erkämpft hat, wirft Paris Kolonialismus vor und nennt die Kaperung einer SNCM-Fähre das „Heimführen korsischer Arbeitsmittel“. Gleichzeitig verlangt sie, dass die „Kolonialmacht“ Frankreich die konkursreife „korsische“ SNCM zu 100 Prozent in Besitz behält, die horrenden Defizite ausgleicht und die Rechte der Seeleute - jeden zweiten Monat Urlaub - garantiert.

Nach einer Machtdemonstration bei der Befreiung der gekaperten SNCM-Fähre setzt die im Vorwahlkampf für die Präsidentenwahl 2007 steckende Regierung auf Deeskalation. Ein Korsenkommando feuert eine panzerbrechende Rakete in die Präfektur. Der Präfekt René-Pierre Lemas spricht von einer „kleinen Gruppe Rowdys“, die nichts mit den Korsen zu tun habe. Eine Bombe zerstört ein Zollboot? Nur ein „dummer Akt gegen ein Symbol“. Auch die Anführer der Schiffsentführung wurden umgehend freigelassen.

Villepin unter Druck

Die Bilder der Gewalt bringen Villepin unter Druck. Gerade hatte der distinguierte Adelige sich mit energischen Auftritten und der Demonstration von Tatkraft in den Umfragen vor seinen Erzrivalen im Rennen um die Präsidentenwahl 2007, Innenminister Nicolas Sarkozy, geschoben. Doch seit Korsika ist sein Ruf beschädigt. Und der für die Sicherheit auf Korsika zuständige Innenminister tritt noch nach. Er hätte eine bessere Konfliktlösung als die Vollprivatisierung gehabt, sagte Sarkozy vieldeutig. Nur leider habe ihn Villepin nicht gefragt.

Die Sozialisten, die in ihrer Regierungszeit das heiße Eisen SNCM auch nicht angepackt hatten, schüren den Konflikt noch. Gemeinsam mit Kommunisten, Grünen und Trotzkisten riefen sie dazu auf, am Dienstag auch landesweit gegen die Privatisierung der SNCM zu streiken. Parteichef François Hollande macht den Premier sogar wegen „sozialer Provokationen“ mitverantwortlich für die Gewalt. Eine Lösung für die SNCM, die weiter ausblutet und Marktanteile an private Konkurrenten verliert, bietet Hollande allerdings auch nicht. Dass die EU- Kommission einer Lösung zustimmen müsste, lässt er unerwähnt.

Die Aussetzung der Blockade bis Dienstag verschafft der Regierung Luft für Verhandlungen mit Brüssel und ermöglicht die Versorgung der Korsen mit knapp gewordenen Lebensmitteln und Treibstoff. Doch entschärft ist der Konflikt nicht: Auch die EU-Kommission dürfte einmal mit ihrer Geduld zu Ende sein. Und die Gewerkschaft STC hat schon klar gemacht, dass sie auf der Hut bleibt und keinen Transport von Nachschub für die Polizei nach Korsika dulden wird.

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