Regierung will ausländische Unternehmen anlocken
Türkei baut Investitionshürden ab

Mit der Abschaffung von Investitionshemmnissen für ausländische Unternehmen hat sich die Türkei weiter für Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union empfohlen. „Wir haben große Fortschritte gemacht“, sagt Ömer Sabanci, Chef der in der Türkei einflussreichen Unternehmervereinigung Tüsiad.

BERLIN. Die türkische Regierung habe „in einer radikalen Reform ihrer Wirtschafts- und Handelsgesetze“ insgesamt 238 Bestimmungen abgeschafft, die bislang ausländische Investitionen blockierten. Sabanci warb Ende vergangener Woche auf einer Wirtschaftskonferenz in Berlin für sein eigenes Land – aber auch deutsche Wirtschaftsvertreter sind positiv überrascht.

Ob der Türkei damit der Weg in die EU offen steht, ist aber noch nicht entschieden. Im Oktober wird die EU-Kommission einen Bericht zur Beitrittsreife des Landes vorlegen, auf dessen Grundlage über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen entschieden wird. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte sich jüngst für Beitrittsverhandlungen ausgesprochen. Die CDU/CSU ist dagegen nur für eine „privilegierte Partnerschaft“.

Wirtschaftsstaatssekretär Gerd Andres sagte in Berlin, das bereits neunte Reformpaket seit 2002 der Regierung von Recep Tayyip Erdogan „unterstreicht die Ernsthaftigkeit“, mit der sich Ankara auf Verhandlungen vorbereite. Auch Oliver Stönner-Venkatarama, Volkswirt bei der Commerzbank, spricht von einem „beispiellosen Reformkurs“ des Landes.

„Die Türkei öffnet Tür und Tor“, bestätigt der in Istanbul und Erlangen lehrende Wirtschaftsprofessor Yusuf Ziya Aksu. „Eine AG kann heute in drei Tagen gegründet werden.“ Bisher sei das kaum unter zwölf Wochen zu machen gewesen. Ausländer könnten neuerdings die Mehrheit an türkischen Unternehmen übernehmen, „auch in strategisch wichtigen Bereichen wie der Telekommunikation“, sagte Aksu dem Handelsblatt. Weitere Anreize: Steuererleichterungen, Zuschüsse für Energiekosten, Ausbau zollfreier Zonen. Einziges Handicap: „Die Bürokratie hinkt noch hinterher.“

Die Türkei fällt seit Monaten mit rasantem Wachstum und zunehmend aktiven Unternehmen auf. Die Finanzkrise aus dem Jahr 2001 scheint überwunden. Die deutsche Industrie bestätigt den Willen der Regierung in Ankara zu Reformen. „Die Türkei steht im internationalen Standortwettbewerb“, gibt Fabian Wehnert, Europaexperte beim Bundesverband der Deutschen Industrie, allerdings zu bedenken. Weitere Reformen vorausgesetzt sei die Türkei zweifellos „ein interessanter und dynamischer Markt“, auch in Richtung Mittlerer Osten.

Für Stönner-Venkatarama von der Commerzbank ist allein der Markt mit 70 Millionen Einwohnern es wert, beackert zu werden. Besondere Phantasie geht jedoch von einer stärkeren Anbindung an die EU aus. Die Experten sind sich einig: Sollten die Beitrittsverhandlungen mit Ankara aufgenommen werden, entfaltet sich eine neue Dynamik.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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