Regierung will Regulierung bei Einkaufspreisen der Supermärkte aufheben
Paris gibt Handelsketten mehr Freiraum

Die französische Regierung will dem Handel mehr Freiheiten einräumen, seine Preise mit den Produkt-Herstellern auszuhandeln. Davon verspricht sie sich sinkende Preise für die Verbraucher.

PARIS. Bereits in den nächsten Wochen soll daher eine Reform des umstrittenen „Loi Galland“ erarbeitet werden, das die Spielregeln für die Preisfindung zwischen den Handelsketten und Produktanbietern regelt, kündigte jüngst Industrieminister Patrick Devedjian an. Dieses Gesetz schreibt vor, dass ein Einzelhändler die Produkte seines Zulieferers nicht unter einem vom Hersteller festegesetzten Einkaufspreis verkaufen darf. Mit diesem Verbot sollten vor allem kleinere und mittlere Unternehmen vor der Einkaufsmacht der großen Handelsketten wie Carrefour oder Leclerc geschützt werden. Die im Sommer von Finanzminister Nicolas Sarkozy quasi verordneten Preissenkungen für Markenprodukte waren damit nur das Vorspiel für eine tiefgreifendere Reform im Einzelhandel. Am 18. Oktober soll eine Expertengruppe Vorschläge vorlegen.

Sarkozys Supermarkt-Preis-Offensive vom Sommer hatte international für Schlagzeilen gesorgt. Im Juni trommelte er Vertreter des Einzelhandels, der Industrie und der Verbraucherschützer zusammen. Die Runde einigte sich, die Preise für die gängigsten Markenartikel – vom Joghurt bis zum Duschgel – um im Schnitt zwei Prozent im September zu senken. Liberale Ökonomen rümpfen über die staatlich initiierte Preissenkung die Nase und fühlen sich an das Preisdiktat der Sowjetunion erinnert.

Sarkozys Staatseingriff und die neue Gesetzesreform zur Preisfindung im Einzelhandel verfolgen das gleiche Ziel: Die Kauflust der Franzosen zu stimulieren, die bereits im ersten Halbjahr für die gut laufende Konjunktur verantwortlich war. Bislang führt das „Loi Galland“ aus dem Jahre 1996 zu einer künstlichen Verteuerung der Produkte in den Supermärkten. „Markenprodukte sind in Frankreich im Schnitt um zehn Prozent teurer als im restlichen Europa“, sagt zum Beispiel Michel-Edouard Leclerc, Präsident der gleichnamigen Supermarktkette zum Handelsblatt. Leclerc fordert seit langem eine Reform des „Loi Galland", das sich in der Praxis nicht bewährt hat. Um dennoch Rabatte zu erreichen, stellten die Handelsketten ihren Lieferanten einfach eine getrennte Rechnung aus, beispielsweise um sich eine günstige Platzierung der Produkte in ihren Supermärkten bezahlen zu lassen. Diese so erzielten Rabatte machen bei einigen Produkten bis zu 50 Prozent des Endkundenpreises aus. Um diese Kosten zu kompensieren, erhöhten im Gegenzug die Hersteller die Preise, welche die Ketten dann an den Endkunden weiterreichten. Die Reform soll diesem Mechanismus ein Ende bereiten, indem Händler und Hersteller mehr Freiheiten bei den Preisverhandlungen bekommen sollen.

Mittlerweile ist auch Premierminister Jean-Pierre Raffarin auf den fahrenden Zug aufgesprungen, und erklärte den „Kampf gegen die Teuerung“ zu einer Priorität der zweiten Hälfte der Legislaturperiode. „Eine bemerkenswerte Richtungsänderung“, sagt ein Berater Sarkozys, „denn bislang vertrat die politische Rechte in Frankreich vor allem die Interessen der mittelständischen Unternehmen“. Im Kampf um mehr Kaufkraft findet sie sich plötzlich auf der Seite der großen Supermarktketten wieder.

Leclerc und Co. kämpfen aber nicht ganz uneigennützig für eine Gesetzesreform. Das „Loi Galland“ bescherte ihnen in der Vergangenheit zwar hohe Gewinne. „Unser kurzfristiger Gewinn ist aber unser langfristiger Tod", sagt Michel-Edouard Leclerc. Denn ihm machen zunehmend die Discount- Ketten wie Lidl und Aldi zu schaffen, die auch in Frankreich stetig Marktanteile gewinnen. Sie sind vom Loi Galland kaum betroffen, da sie den Großteil ihrer vertriebenen Waren selbst herstellen lassen und damit nach Belieben die Preise bestimmen.

Sollte die Reform rechtzeitig kommen, verspricht Supermarkt- König Leclerc dem scheidenden Minister ein schönes Weihnachtsgeschenk: „Wir könnten dann bis Weihnachten unsere Preise um weitere drei Prozent senken.“

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