Regierungschef führt knapp vor Herausforderer
Demos gegen angebliche Wahlfälschungen

Etwa 10 000 Anhänger der ukrainischen Opposition haben am Montagvormittag in Kiew gegen angebliche Wahlfälschungen durch die Staatsmacht demonstriert. Die Stimmung bei den Anhängern von Oppositionsführer Viktor Juschtschenko sei gedrückt, weil in der offiziellen Auszählung immer noch Ministerpräsident Viktor Janukowitsch führe, sagten Augenzeugen.

HB KIEW. Mit jeder Minute kämen aber mehr Menschen auf den Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt.

Regierungschef Janukowitsch, der Wunschkandidat der Staatsmacht, führe mit knapp 48,65 % der Stimmen, teilte die Wahlleitung nach Auswertung von drei Vierteln der Stimmzettel mit. Juschtschenko liege mit 47,72 % 0,93 Prozentpunkte dahinter. Damit verkleinerte sich der Abstand weiter auf weniger als ein Prozent, nachdem der Regierungschef ersten Ergebnissen zufolge mit mehr als fünf Prozent geführt hatte. Eine Prognose nach Schließung der Wahllokale hatte allerdings auf einen Sieg des Oppositionsführers hingedeutet, der das Land stärker ans westliche Europa anbinden will. Mit einem vorläufigen Endergebnis wird im Laufe des Morgens gerechnet.

„Ich habe gewonnen. Punkt“, sagte Juschtschenko vor Anhängern. „Ich glaube an meinen Sieg und wir sagen, dass die Behörden heute eine totale Fälschung der Ergebnisse abgeliefert haben.“ Dabei verwies er vor allem auf den ländlichen Osten des Landes, der an Russland grenzt. Der Prognose zufolge hat Juschtschenko 54 % und Janukowitsch 43 % der Stimmen erhalten. Janukowitsch äußerte sich zunächst nicht öffentlich.

Juschtschenko forderte die Weltgemeinschaft auf, aufmerksam zu beobachten, was sich in der Ukraine tut, und kündigte an, sich mit direkten Appellen an die Europäische Union (EU) und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zu wenden.

Bereits am Sonntagabend hatten sich in der Hauptstadt rund 12 000 Menschen versammelt, um die Behörden zu drängen, den Sieg Juschtschenkos anzuerkennen. „Die Prognose zeigt einen klaren Sieg für unseren Kandidaten. Wir müssen diesen Sieg verteidigen“, rief der Wahlkampfchef Juschtschenkos, Oleksander Sintschenko, den Demonstranten auf dem Platz der Unabhängigkeit in Kiew zu.

Bei der ersten Wahlrunde am 31. Oktober hatte keiner der Kandidaten die ausreichende Mehrheit erhalten. Die Opposition hatte bereits damals der Regierung Wahlbetrug vorgeworfen. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) hatte erklärt, es seien grundlegende Standards für freie, faire und demokratische Wahlen missachtet worden.

Die Wahl dürfte auch über die politische Ausrichtung der Ukraine entscheiden, die im Westen an drei EU-Staaten und im Osten an Russland grenzt: Juschtschenko tritt für eine schrittweise Einbindung des Landes ins westliche Europa ein. Sein Gegenkandidat Janukowitsch will stattdessen die an Russland angelehnte Politik des scheidenden Präsidenten Leonid Kutschma fortsetzen. Vorläufigen Ergebnissen zufolge gaben rund 79 % der 37 Mill. Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Damit war die Wahlbeteiligung höher als bei der ersten Runde vor drei Wochen.

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