Regierungswahl am Samstag
Island steht vor einem politischen Erdbeben

Vor gut einem Jahr war Island noch Ziel vieler Arbeitssuchender aus Osteuropa. Die Vulkan-Insel lockte mit geringer Arbeitslosigkeit und vergleichsweise hohen Löhnen. Doch das ist seit dem Beinahe-Staatsbankrott vorbei. Nachdem die Konservativen nach 18 Jahren aus der Regierung gejagt wurden, setzen die Isländer nun auf Rot-Grün. Dem Parteienbündnis steht am Samstag ein überwältigender Wahlsieg bevor.

REYKJAVIK. Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren. Benni ist 25 Jahre alt und seit fünf Monaten arbeitslos. "Gott sei Dank besitze ich nichts", seufzt der Isländer. Die Familie seiner Schwester stehe sehr viel schlechter da: Haus, Auto - alles auf Pump mit dem Risiko der Pfändung. "Sie können die Raten nicht mehr zurückzahlen", sagt Benni.

Der gelernte Software-Programmierer hält einen kleinen Zettel mit der Nummer 292 in der Hand. So viele Arbeitssuchende haben an diesem Tag im Vinnumalastofun, dem zentralen Arbeitsamt in Reykjavik vorgesprochen. Hier, einen Steinwurf vom pompösen Hilton Hotel entfernt, ist die Krise definitiv angekommen.

"Derzeit melden sich 400 bis 500 Leute täglich arbeitslos", sagt Karl Sigurdsson, Leiter der Statistik-Zentrale beim Arbeitsamt. Bis Ende März hatten 17 400 Menschen ihren Job auf der kleinen Insel verloren, knapp neun Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung. Am stärksten sind Bauarbeiter von dem Zusammenbruch der Wirtschaft betroffen, wie die Bauruinen in Reykjavik zeigen.

Am Samstag wird auf der Vulkaninsel eine neue Regierung gewählt. Nachdem das Land im vergangenen Herbst als erster westlicher Staat nahe am Staatsbankrott vorbeigeschlittert war und nur durch einen Notkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 3,9 Mrd. Euro über Wasser gehalten werden konnte, werden sich die 320 000 Isländer nach der wirtschaftlichen auch an eine politische Eruption gewöhnen müssen: Fast 18 Jahre lang wurde der Inselstaat von der konservativen Unabhängigkeitspartei regiert. Deshalb wird sie für das Desaster verantwortlich gemacht: Im Februar musste die konservative Regierung unter Premier Geir Haarde nach wochenlangen Straßenprotesten ihren Hut nehmen. Bei den Wahlen riskiert die Partei, mit knapp über 20 Prozent ihr schlechtestes Wahlergebnis in ihrer Geschichte einzufahren.

"Niemand zog die Handbremse", sagt heute rückblickend der isländische Wirtschaftsminister Gylfi Magnusson im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Wirtschaftsprofessor von der Universität Reykjavik hatte das Amt im Februar übernommen, nachdem eine Übergangsregierung unter der Sozialdemokratin Johanna Sirgurdardottir eingesetzt wurde. Magnusson spricht von einem "Neuanfang", auch von "einer Chance für Island ".

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