Region zwischen Nanjing und Schanghai
Chinas Wachstumsmotor brummt im Jangtse-Delta

Meong Won Kuen, Top-Manager des südkoreanischen Elektronik-Konzerns LG, hat in der ost-chinesischen Millionen-Stadt Taizhou noch Großes vor: In nur zweieinhalb Jahren will er dort seine Produktion locker vervierfachen. Sechs Millionen Kühlschrankmotoren sollen ab 2005 bei LG in Taizhou jährlich vom Band laufen, heute sind es 1,5 Millionen.

SUZHOU. In Chinas Jangtse-Delta sind solche gewaltigen Steigerungsraten alles andere als ungewöhnlich: Die Region westlich von Schanghai hat sich zum Epizentrum des chinesischen Wirtschaftsbooms entwickelt. Hier leben 10 % der chinesischen Bevölkerung, sie erarbeiten fast ein Viertel der Wirtschaftsleistung des Landes.

Das Jangtse-Delta hat inzwischen die einstige Boom-Region Guangdong im Süden des Landes überflügelt. Dort begann Anfang der 90er-Jahren in den ersten Sonderwirtschaftszonen das chinesische Wirtschaftswunder – mit Spielwaren und Textilien für den Export. Im Jangtse-Delta konzentrieren sich die Investitionen zunehmend auf höherwertige Produkte wie Weiße Ware, Elektronik und Computer.

Fast alle der zehn größten deutschen Investitionsprojekte konzentrieren sich auf das Jangtse-Delta, allein die Chemieriesen Bayer und BASF investieren je rund 3 Mrd. Dollar in neue Werke. Bundespräsident Johannes Rau wird am Wochenende bei seinem Staatsbesuch in China Schanghai und Nanjing, die beiden wichtigsten Städte des Jangtse-Deltas, besuchen.

Die Region ist nicht mehr nur die verlängerte Werkbank für ausländische Konzerne – immer öfter verlagern Unternehmen auch Forschung und Entwicklung ins Jangtse-Delta. So plant Yamaha nach Angaben des Parteisekretärs von Taizhou, die Forschungsabteilung für Motorräder von Japan in die Region zu verlegen.

Wenn ausländische Investoren über den Standort erzählen, geraten sie schnell ins Schwärmen: Die Lohnkosten seien bis zu zwei Drittel niedriger als in Japan, berichtet Terukatsu Hayashi, Chef der Niederlassung des japanischen Elektronik- Konzerns Murata. Trotzdem habe die Fertigung Weltniveau: „Der Ausschuss ist niedriger als in japanischen Werken.“ In der Vier-Millionen-Metropole Wuxi baut Murata Keramikfilter für Autoradios und Bauteile für Handys. Seit 2001 hat der Konzern dort die Produktion verdreifacht, bis 2005 soll sie um weitere 150 % wachsen.

Wuxi ist zum brummenden Zentrum des Jangtse-Deltas aufgestiegen: Kaum eine andere Stadt im Reich der Mitte verfügt über so hohe Steuereinnahmen wie die Metropole auf halber Strecke zwischen Shanghai und Nanjing. Die Größenverhältnisse übersteigen das europäische Vorstellungsvermögen: So entsteht in Wuxi derzeit ein neues Stadtviertel, das mit einer Fläche von 140 Quadratkilometern auf Anhieb eine der fünf größten Städten Deutschlands wäre. Herzstück dieses „New Districts“ ist ein High-Tech-Park, in den rund acht Mrd. Dollar Auslandsinvestitionen geflossen sind. Über 800 Firmen haben in dieser Modellstadt Fabriken gebaut.

Nichts scheint die Expansion dieser Unternehmen aufhalten zu können: Im Schnitt wächst der Umsatz der Firmen im „New District“ pro Jahr um 40 %. Im ersten Halbjahr verdoppelten sich die ausländischen Direktinvestitionen gegenüber dem Vorjahr. Deutsche Konzerne wie Bayer, Siemens und Bosch sowie jedes sechste japanische Unternehmen in China haben hier ihre Zelte aufgeschlagen.

Anders als früher rückt für sie klar der chinesische Inlandsmarkt ins Visier – nicht mehr nur der Export. Das Jangtse-Delta erweist sich dafür als guter Ausgangspunkt – denn das dichte Verkehrsnetz sorgt für einen schnellen Zugang zum chinesischen Markt. „Wir wollen von hier aus die chinesische Nachfrage bedienen“, sagt Carlo Andreatini, Asien-Pazifik-Chef des Unternehmens MTS, ein Ableger des italienischen Merloni-Konzerns, der mit Klimaanlagen und Heizgeräten eine Mrd. Euro umsetzt. Schon heute verkauft MTS 80 % seiner örtlichen Produktion nach China.

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