Regionalmacht Türkei: Die Türkei schlüpft in die Vermittlerrolle

Regionalmacht Türkei
Die Türkei schlüpft in die Vermittlerrolle

Nach seinen Besuchen in Syrien und Jordanien beriet der türkische Ministerpräsident Tayip Erdogan gestern in Kairo mit dem ägyptischen Präsidenten Hosni Mubarak über die Entwicklung im Gazastreifen. Bisher hat es Erdogan vermocht, die gegensätzlichen Interessen in der Region auszubalancieren, doch der Konflikt stellt die Türkei vor neue Probleme.

ISTANBUL. Die Türkei versucht sich als Vermittler im Nahostkonflikt und unterstreicht ihre Rolle als Regionalmacht. Am Mittwoch hatte der türkische Premier bereits in Syrien mit Staatschef Baschar Assad und in Jordanien mit König Abdullah II. gesprochen. In Amman konferierte Erdogan auch mit Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas. Erdogans außenpolitischer Chefberater Ahmet Davutoglu traf unterdessen in Damaskus mit Khaled Maschal zusammen, dem Chef des Politbüros der radikal-islamischen Hamas. Am Samstag will Erdogan zudem nach Saudi-Arabien fliegen. Die Vermittlerrolle bekommt zusätzliches Gewicht, weil die Türkei seit dem 1. Januar Mitglied im Uno-Sicherheitsrat ist.

Bereits seit Mai hatte Ankara zwischen Syrien und Israel vermittelt. Allerdings brach Damaskus die indirekten Kontakte mit Jerusalem nach den israelischen Luftangriffen auf den Gazastreifen ab. Erdogan bezeichnete seine bisherigen Gespräche als „sehr fruchtbar“, ohne allerdings Einzelheiten zu nennen. „Wir haben unseren Brüdern gesagt, dass wir alles tun werden, um einen Waffenstillstand, ein Ende des Embargos und einen Kompromiss innerhalb Palästinas zu erreichen“, sagte Erdogan. Die Türkei unterhält einerseits eine intensive wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit Israel, andererseits hat sie traditionell enge Beziehungen zu den Palästinensern, für die es unter der türkischen Bevölkerung viel Anteilnahme gibt.

Wie weit die türkischen Bemühungen um einen Waffenstillstand führen können, ist aber fraglich, nachdem Israel bereits den Appell der französischen EU-Präsidentschaft zu einer Feuerpause als „unrealistisch“ zurückwies. Überdies steht Jerusalem bisher nicht auf Erdogans Reiseplan. Die türkischen Vermittlungsversuche seien deshalb „eher symbolisch“, sagt Ilter Turan, politischer Analyst an der Istanbuler Bilgi-Universität. Erdogan könnte jedoch seinen Einfluss geltend machen, um den innerpalästinensischen Konflikt zwischen der Hamas und der gemäßigteren Fatah zu überwinden, sagt der ehemalige türkische Diplomat und Kolumnist Özdem Sanberg.

Zur Hamas hat die türkische Regierung gute Kontakte: Anfang 2006 lud sie eine hochrangige Hamas-Delegation nach Ankara ein, was damals zu erheblichen diplomatischen Verwicklungen mit Jerusalem führte. Überhaupt wandelt Erdogan mit seiner Nahostpolitik auf einem schmalen Grat. Einerseits betrachtet die Türkei Israel als wichtigsten Verbündeten in der Region, andererseits warf Erdogan Politikern in Jerusalem schon mehrfach „Staatsterror“ vor und kritisierte die israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen jetzt als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“.

Und während israelische Kampfpiloten im Luftraum über Anatolien trainieren, mutmaßlich auch für Angriffe auf iranische Atomanlagen, knüpft Ankara immer engere Wirtschaftsbeziehungen zu Israels Erzfeinden in Teheran, vor allem in der Energiepolitik. Auch beim Kampf gegen die kurdischen Rebellen im Nordirak arbeiten Ankara und Teheran eng zusammen. Erst im August sorgte ein Besuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in Ankara für Verstimmung in Israel.

Das spannungsgeladene Dreiecksverhältnis Türkei-Iran-Israel illustriert die Schwierigkeiten, vor denen die Türkei als Regionalmacht und Vermittler steht. Bisher ist es Erdogan recht gut gelungen, diese widerstreitenden Interessen auszubalancieren. Der Konflikt im Gazastreifen stellt die Türkei aber vor eine besondere Herausforderung.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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