Regionalparteien
Indiens Parteien pokern um die Macht

Ein pensionierter Ringer, ein ehemaliger Schauspieler und ein "Unberührbarer" - die Kandidaten der kleinen indischen Regionalparteien sind so ungewöhnlich wie ihre Programme. Indiens Wirtschaft fürchtet ihre fortschrittsfeindliche Politik. Sollten die großen Parteien die absolute Mehrheit verfehlen, werden die kuriosen Kleinen zum Königsmacher.

NEU DELHI. Die Parlamentswahl in Indien wird voraussichtlich mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen der regierenden Kongresspartei und der Bharatiya Janata Party (BJP) enden. Jüngste Wahlanalysen sagen einen Abstand von wenigen Sitzen voraus. Da beide Parteien die absolute Mehrheit weit verfehlen werden, hat bereits vor dem heutigen letzten von insgesamt fünf Wahltagen ein heftiges Tauziehen um Koalitionspartner begonnen.

Die Rolle des Königsmachers fällt dabei kleinen Regionalparteien und ihren schillernden Anführern zu, darunter ehemalige Schauspieler, ein pensionierter Ringer und die Ikone von Indiens unterster sozialer Schicht, der "Dalits" oder "Unberührbaren". Für die Wirtschaft sind das beunruhigende Aussichten. Denn diese Parteien profilieren sich mit einer fortschrittsfeindlichen Politik.

Das Endergebnis der Wahl der insgesamt 543 Abgeordneten in der unteren Kammer des Parlaments, der Lok Sabha, wird am Samstag bekannt gegeben. Laut der jüngsten Analyse der "Times of India" kommt die Kongresspartei auf 152 Sitze. Ihre wichtigste Herausforderin, die hindunationale BJP, könnte 145 Abgeordnete stellen. Zu Beginn des Wahlkampfs wurden der Kongresspartei und ihren Bündnispartnern noch ein klarer Vorsprung prognostiziert, sagt Bidyut Chakrabarty, Politikwissenschaftler an der Universität Neu Delhi. Doch inzwischen hätten sie deutlich Boden an die BJP verloren.

Offenbar nervös geworden, machte die Kongresspartei letzte Woche den ersten Zug im Koalitionspoker. Anlässlich einer Pressekonferenz hofierte ihr Generalsekretär Rahul Gandhi demonstrativ einige Führer kleiner Parteien aus dem BJP-Lager und schloss auch ein neuerliches Bündnis mit den Kommunisten nicht aus. Letztere hatten die Kongress-Regierung vor Jahresfrist beinahe zum Scheitern gebracht, als sie ihr wegen des Nuklearabkommens mit den USA die Unterstützung entzogen.

Der überraschende Vorstoß des Hoffnungsträgers der Kongresspartei - der 38-jährige Gandhi soll bei einem Wahlsieg in wenigen Jahren Premier werden - verfehlte aber sein Ziel. Statt seiner Partei neue Optionen zu eröffnen, vergrätzte Gandhi Feind und Freund. Die Umworbenen wiesen das unverhohlene Bündnisangebot umgehend zurück, während sich die bisherigen Koalitionspartner über die Illoyalität der Kongresspartei erregten. Eilig musste die Parteispitze zurückrudern, um die von ihr angeführte "Vereinte Fortschrittsallianz" (UPA) mit befreundeten Regionalparteien nicht zu gefährden.

Auch die BJP hat sich mit einigen kleinen Parteien zur "Nationalen Demokratischen Allianz" (NDA) zusammengeschlossen. Beide Bündnisse dürften aber kaum mehr als 200 Abgeordnete stellen und sind damit weit entfernt von der absoluten Mehrheit von 272 Sitzen. Kongress und BJP müssen deshalb versuchen, Parteien aus dem gegnerischen Lager abzuwerben sowie die sogenannte "Dritte Front" zu spalten, eine Allianz kommunistischer und linker Parteien, die ebenfalls die Regierung stellen will.

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