Regulierung
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Die Botschaft der aktuellen Finanzkrise scheint klar: Der Markt hat versagt, der Staat muss es richten. Doch die Aufsichtsbehörden tragen eine Mitschuld. Sie regulierten nicht zu wenig, aber falsch. Markt- und Staatsversagen gingen Hand in Hand.

ZÜRICH. Vor zehn Jahren hielt die Welt den Atem an. Der US-Hedge-Fonds Long Term Capital Managements (LTCM) stand vor der Pleite und drohte eine negative Kettenreaktion an den internationalen Finanzmärkten auszulösen. Nachdem LTCM in letzter Minute gerettet werden konnte, schworen sich die Krisenmanager damals: Nie wieder dürfen Exzesse auf den Finanzmärkten die Welt in ein Chaos stürzen. Dafür wollten die Finanzaufseher mit strengeren Kontrollen sorgen. Ein Jahrzehnt später steht die Welt vor einem weitaus tieferen Abgrund als 1998. Die Kontrolleure haben in die falsche Richtung geschaut. Sie versuchten, die Hedge-Fonds in den Griff zu bekommen, und übersahen dabei, dass sich der globale Finanzsektor zu einem riesigen Spielkasino entwickelt hatte.

Die Botschaft der aktuellen Finanzkrise scheint klar: Der Markt hat versagt, der Staat muss es richten. Dabei trifft die Schuld für die Jahrhundertkrise gar nicht die angeblichen Spekulanten der Hedge-Fonds. Die Finanzakrobaten sind mehr Opfer als Täter der Finanzkrise. Es ist eine bittere Ironie, dass der Kern des Übels vielmehr im Bankensektor liegt, der unter strikter staatlicher Kontrolle stehen sollte. Tatsächlich hatte das staatliche Überwachungsnetz riesige Löcher - verursacht durch Fahrlässigkeit, Inkompetenz und einen Wirrwarr an Zuständigkeiten. Markt- und Staatsversagen gingen also Hand in Hand.

Um das Ausmaß dieses Versagens zu ermessen, muss man zum Ausgangspunkt der Krise zurückkehren. Zurück also zu den dubiosen Praktiken, mit denen Immobilienmakler in den USA und ihre Helfershelfer in den Banken Hypothekendarlehen an ebenso unwissende wie leichtsinnige "Häuslebauer" in Florida, Kalifornien oder Nevada verkauft haben. "Subprime" nennt man diesen Markt, auf dem Baudarlehen an finanzschwache Schuldner vergeben werden. In den 90er-Jahren war das Phänomen noch weitgehend unbekannt, 2006 wurde schon ein Fünftel aller Hypothekenanleihen an minderwertige Schuldner vergeben. Mehr als 90 Prozent dieser Darlehen waren mit stark steigenden Zinssätzen versehen. Das interessierte damals jedoch niemanden. Die Zinsen waren niedrig, billiges Geld gab es in Hülle und Fülle. So machte die beidseitige Gier Kreditgeber und-nehmer zu Komplizen. Die einen wollten die Wahrheit über ihre Vermögenslage nicht sagen, die anderen wollten sie nicht hören.

Rechtlich möglich war das nur, weil skrupellose Baufinanzierer in den USA kaum kontrolliert wurden. Weder die Notenbank in Washington noch die Behörden der Bundesstaaten fühlten sich zuständig. Als der im vergangenen Jahr verstorbene Fed-Gouverneur Edward Gramlich im Jahr 2000 den damaligen Notenbank-Chef Alan Greenspan auf die skandalösen Zustände im Subprime-Markt aufmerksam machte, zuckte der nur mit den Schultern. Die Fed sei nicht in der Lage, die Praktiken auf dem Hypothekenmarkt zu untersuchen, wiegelte der einstige "Maestro" der Geldpolitik ab. Als Jünger einer radikalen Marktphilosophie verspürte Greenspan zudem wenig Neigung, ins freie Spiel der Kräfte einzugreifen.

Wirtschaftlich war das Immobilien-Roulette nur möglich, weil die Baufinanzierer die riskanten Subprime-Darlehen an Investmentbanken der Wall Street weiterreichten. Die findigen Banker verbrieften die Zeitbomben in Kreditderivate mit obskuren Namen wie CDO oder ABS und verkauften sie an renditehungrige Investoren in aller Welt.

Damit die Anleger ruhig schlafen konnten, ließen die Investmentbanker ihren Subprime-Ramsch von willfährigen Ratingagenturen mit einem Bonitätssiegel versehen. Die Kreditwächter wurden für ihre Arbeit nicht etwa von den Investoren bezahlt, die sich auf ihre Gütesiegel verlassen mussten. Vielmehr erhielten sie ihr Salär von den Verkäufern der Kreditderivate. Interessenkonflikte waren damit programmiert. So schauten die Bonitätsprüfer nur in den Rückspiegel und nicht nach vorn. Kein Wunder, dass sie nur stetig steigende Hauspreise und entsprechend geringe Risiken sahen und nicht den absehbaren Zusammenbruch des Immobilienmarkts.

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