Reichste Provinz stimmt für mehr Autonomie
Bolivien droht die Spaltung

Bolivien steht vor einer Zerreißprobe: Die Bevölkerung der reichsten Provinz des Landes, Santa Cruz, stimmte in einem Referendum mit klarer Mehrheit für eine größere politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit von der Zentralregierung.

HB SANTA CRUZ/LA PAZ. Der sozialistische Präsident Evo Morales sieht sich in Bolivien mit einer Autonomiebewegung der Provinzen des Landes konfrontiert, die die Umsetzung seiner politischen Pläne gefährden könnte.

Wählernachfragen deuteten darauf hin, dass bis zu 85 Prozent in der reichen Provinz Santa Cruz für den Autonomievorschlag stimmten. Tausende Befürworter der Autonomie feierten am Abend in der gleichnamigen Regionalhauptstadt ihren Triumph über den „Marxismus“.

Aber nicht nur in Santa Cruz, auch in anderen Regionen wächst der Wunsch nach Autonomie von der Regierung. Drei weitere Provinzen, Beni, Pando und Tarija, planen ähnliche Abstimmungen im Juni. Zwei weitere Provinzen erwägen auch Referenden.

Morales wies die Abstimmung in Santa Cruz zwar als verfassungswidrig zurück, gleichzeitig bot er den Provinzregierungen Gespräche an. „Lasst uns morgen zusammenarbeiten für eine wahre Autonomie“, erklärte Morales. „Für die Menschen und nicht nur einzelne Gruppen.“

In Santa Cruz ist die Opposition gegen Morales und seine Bewegung zum Sozialismus am größten. Es geht vor allem um einen höheren Anteil an den Einnahmen aus den großen Gasreserven, die in dem Staat lagern. Morales will das Geld nutzen, um es in ganz Bolivien zu verteilen. Auch wollen Wirtschaftsverbände ihre Sojaplantagen und Rinderfarmen vor dem Zugriff der Regierung schützen, die das Land an arme Bauern verteilen will. Bei Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der Abstimmung wurden mindestens 25 Menschen verletzt. Berichte über einen Toten wurden von den Behörden zunächst nicht bestätigt.

Seit Morales, der frühere Anführer der Koka-Bauern, Ende 2005 die Wahlen gewann, versucht er im Hau-Ruck-Verfahren, der seit Jahrhunderten benachteiligten Indio-Mehrheit, vor allem Aymara, zu ihrem Recht zu verhelfen. Mit seinem Projekt einer sozialistischen Gesellschaftsordnung kollidiert er jedoch frontal mit den wirtschaftlich erfolgreichen Repräsentanten des neoliberalen Wirtschaftsmodells in Santa Cruz.

Auch die anderen Landesteile im östlichen Tiefland, wo das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf drei mal so hoch wie in den westlichen Andengebieten mit überwiegender Indio-Bevölkerung ist, leisten erbitterten Widerstand. In Santa Cruz liegt die Armutsrate bei etwa 40 Prozent, im westlichen Hochland aber bei 80 Prozent. Angesichts der weiterern Referenden bleibt die Lage in dem ärmsten Land Südamerikas vorerst explosiv.

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