Rekruten des Islamischen Staats
Wenn Haltlose und Psychopathen zu Helden werden

Was treibt Menschen in die Fänge des Islamischen Staats? Die Terrormiliz hat nach Ansicht von Experten sektenartige Methoden entwickelt, um Haltlose für den Dschihad zu gewinnen. Dabei sei Religion nur „eine Zutat“.

ParisNicht alle Dschihadisten sind psychisch schwer gestört, nicht alle Menschen mit psychischen Problemen greifen zur Gewalt: Wenn aber ein nach Gewalt dürstender Mensch von der Ideologie des Islamischen Staates (IS) eingefangen wird und damit einen Lebenssinn sowie ein Heilsversprechen erhält, so entsteht daraus nach Experteneinschätzung ein gefährlicher Mix. Dessen Entladung kann dann - einem Blitz vergleichbar - eine unvorhersehbare Gewalttat, ein Massaker zur Folge haben.

Nach jeder Gewalttat im öffentlichen Raum steht derzeit die bange Frage im Raum: Steckt die Dschihadistenmiliz IS dahinter? Nach dem Anschlag von Ansbach ließ die Antwort nicht lange auf sich warten: Die IS-nahe Agentur Amaq berichtete am Montag, der 27-jährige, aus Syrien stammende Täter sei „Aufrufen“ gefolgt, jene Staaten „ins Visier zu nehmen“, die zur internationalen Militärkoalition gegen den IS im Irak und in Syrien zählen. Der IS bezeichnet Täter wie den von Ansbach als seine „Soldaten“ - ohne preiszugeben, worin genau die Verbindung bestand.

Der abgelehnte syrische Asylbewerber von Ansbach hatte nach Angaben des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU) „ausdrücklich einen Racheakt gegen die Deutschen“ angekündigt, „weil sie sich dem Islam in den Weg stellen, als Vergeltung für das Umbringen von Muslimen“. Der Mann war der Polizei wegen Drogen- und Nötigungsdelikten bekannt. Er galt bei den Behörden als psychisch instabil, zwei Selbstmordversuche sind aktenkundig. Wenige Tage vor dem Anschlag erhielt er die Anordnung für die nun bevorstehende Abschiebung nach Bulgarien.

„Es ist schwierig, gewöhnliche Menschen aus der Distanz zu zerstörerischen und selbstzerstörerischen Handlungen anzustacheln“, sagt der Terrorismusexperte Michael Jenkins vom Rand-Institut in den USA. Der IS wende sich an jene, „die bereits zwischen einer Fantasiewelt und der Realität hin- und herschlittern“. So werde der IS zum „Magneten für Psychopathen“.

In Frankreich ist die Debatte über das Motivgemisch islamistischer Attentäter schon länger virulent, dort gab es mehrfach große Anschläge, zuletzt in Nizza: Der Tunesier Mohamed Lahouaiej Boulhel tötete dort 84 Menschen, indem er mit einem Lastwagen am Nationalfeiertag über die Strandpromenade raste.

Über Boulhel ist inzwischen bekannt, dass sein Lebenswandel wenig mit dem eines typischen muslimischen Gläubigen gemein hatte. „Er aß Schweinefleisch, trank Alkohol, nahm Drogen und hatte ein ausschweifendes sexuelles Leben“, sagte der Pariser Staatsanwalt François Molins. Erst vor kurzer Zeit entwickelte Boulhel „ein Interesse für den radikalen Dschihadismus“. Auf seinem Computer suchte er vor der Tat nach Bildern von Verkehrsunfällen.

„Der IS hat diesen Menschen nicht erfunden“, sagt die frühere Profilerin der US-Bundespolizei FBI, Mary-Ellen O'Toole, über Boulhel. „Er war schon auf dieser Piste unterwegs, und der IS wirkte wie ein Verstärker.“ Hinter terroristischen Taten stünden „alle möglichen Arten von Motivationen“, befindet der Psychiater William Reid. Die Taten hätten eine innere „Logik“ - aus der Sicht des Täters seien sie nicht „verrückt“ oder „sinnlos“.

Der IS hat sektenartige Methoden entwickelt, wie er Haltlose für den Dschihad gewinnen kann. Persönliche Frustration und Gefühle von Ungerechtigkeit werden von den IS-Propagandisten genutzt. Die Angeworbenen sollen dort zuschlagen, wo sie leben, wird ihnen im Internet beigebracht - und dabei jede verfügbare Waffe einsetzen.

Religion sei bei alledem nur eine Zutat, sagt der Rand-Experte Jenkins. Oftmals hätten die Täter vom Islam allenfalls bescheidene Kenntnisse. „Kurze Begegnungen im Internet“ seien oftmals die einzigen Verbindungen. Die Täter aber könnten sich sicher sein, dass der IS ihnen applaudiere und sie „zu Helden erklärt“. Jeder einzelne Attentäter werde damit zum „Teil eines epischen Kampfes“, fügt Jenkins hinzu. „Sie bekommen einen Weg ins Paradies aufgezeigt.“

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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