Religiös, konservativ, militaristisch
Putins Novemberrevolution

Die Riesenaufmärsche zum Jahrestag der Oktoberrevolution sind Geschichte, jetzt feiert Russland am 4. November den „Tag der Einheit des Volkes“. Der neue Festtag vereint die drei wichtigsten Motive von Putins Politik.

MoskauIn strenger Ordnung marschieren die Kolonnen über die Twerskaja uliza, Moskaus Luxus-Einkaufsmeile, hinweg. Einem Block mit hunderten blauen Fahnen und der Aufschrift „Offiziere Russlands“ folgt eine Abteilung mit orange-schwarzen Flaggen des patriotischen St. Georgs-Bands, das zum Symbol der prorussischen Separatistenkämpfer im Donbass-Gebiet wurde. In anderen Einheiten herrscht das weiß-blau-rot der russischen Trikolore vor, die Demonstranten dann auch in Übergröße auf dem Platz vor dem Bolschoi Theater in Sichtweite von Duma und Kreml aufspannen.

85.000 Menschen seien zur Veranstaltung gekommen, heißt es im russischen Staatsfernsehen, das von ähnlichen Kundgebungen in anderen Großstädten berichtet. Die Bilder erinnern an die Riesenaufmärsche zu den Jahrestagen der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“, die nach der von den Bolschwiki vorgenommenen Kalenderreform stets am 7. November gefeiert wurde.

Die Parallelen sind erstaunlich, wurde der 4. November als Tag der nationalen Einheit doch vor zehn Jahren von Putin eingeführt, um den inzwischen als unpassend empfundenen Revolutionsfeiertag abzulösen. Der neue Festtag vereint dabei drei der wichtigsten Motive Putin’scher Politik: Religiös, konservativ und militaristisch. Bis zur Revolution wurde er nämlich als „Tag der Gottesmutter von Kasan-Ikone“ gefeiert. Unter diesem Heiligenbild hatte 1612 ein russisches Volksheer die polnischen Okkupanten aus dem Kreml vertrieben und damit die „Zeit der Wirren“ beendet.

Das Bild einer äußeren Gefahr, die es gemeinsam abzuwehren gilt, beschwört der Kreml heute gern wieder herauf. Die Betonung militärischer Erfolge entfacht erfahrungsgemäß mehr patriotische Begeisterung als der Hinweis, dass der Befreiung 1612 noch 250 Jahre Leibeigenschaft für die Bauern folgten.

Die Geschichtsklitterung hat Erfolg: Eine Mehrheit der Russen begrüßt den anfangs skeptisch aufgenommen und bevorzugt von rassistischen Nationalisten begangenen Feiertag inzwischen. Umfragen nach sind inzwischen 54 Prozent von der Einheit des Volkes überzeugt, als zusammenschweißende Faktoren gelten den Russen die schwierige weltpolitische Lage, die eigene Kollektivmentalität und natürlich die große Unterstützung für den „nationalen Führer“ Putin.

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