Rente mit 70 in Down under
Australier arbeiten bis zum Umfallen

Deutschland streitet über die Rente mit 63 – Australien macht die Rente mit 70. Die konservative Regierung will, dass in Down under länger gearbeitet wird. Dieser Schritt gehört zu einem Paket radikaler Sparvorschläge.
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Sydney, an einem Frühlingstag im Jahr 2036. Kellner Carl serviert – mit zittriger Hand – den Touristen Cappuccino. Fließbandarbeit im Kaffeehaus, Maloche seit sechs Uhr früh. Doch Opa Carl hat keine andere Wahl. Im Alter von 69,5 Jahren muss er noch sechs Monate warten, bis er endlich seine staatliche Rente beziehen kann. Sie ist nicht hoch, ein paar hundert Euro im Monat, wirklich leben kann man davon nicht im Hochpreisland Australien.

Wenn er nicht noch seine Pensionskasse hätte – erst 1992 war sie für Arbeitgeber und -nehmer Pflicht geworden – sähe es schlecht aus. Doch Carl ist einer der Glücklichen. Im Gegensatz zu anderen Betagten sind er und seine Frau berechtigt, eine staatliche Altersrente zu beziehen. Ihr Haus ist weniger wert als 750.000 Dollar. Einen Cent mehr, und das Paar hätte wohl das Heim verkaufen müssen, um sich einen Lebensabend überhaut noch leisten zu können.
Dieses Szenario dürfte für Millionen von Australierinnen und Australier Realität werden. In Deutschland will die Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) das Renteneintrittsalter senken. Ihre Reform sieht eine abschlagfreie Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren vor. Arbeitgeber und die meisten Experten kritisieren, Nahles' Konzept sei weder gerecht noch lösungsorientiert. Sie befürchten eine Frühverrentungswelle.

Ganz anders verläuft die Debatte in Australien: Eine von der konservativen Regierung in Auftrag gegebene „Überprüfung der Bücher der Nation“ kommt zum Schluss, dass Australier künftig bis zur Erreichung des 70. Altersjahr arbeiten sollen. Nur so könne eine „drohende Haushaltskrise“ abgewendet werden, ein „Notzustand“ in der Staatskasse. Schatzkanzler Joe Hockey findet die Idee brillant: „Das Zeitalter des Anspruchsdenkens sei vorbei“. Wer nach 1965 geboren sei, solle bis 70 arbeiten, sagt Hockey, Jahrgang 1965.

Zweifel am Realitätssinn der Architekten der Vorschläge

Etwa 80 Prozent der Australier beziehen eine staatliche Altersrente, selbst wenn sie Vermögen im Wert von über einer Million Dollar haben – das selbstbewohnte Eigenheim ausgenommen. Die sozialdemokratische Vorgängerregierung hatte schon 2009 entschieden, dem Beispiel anderer Industriestaaten zu folgen und ab 2023 das Rentenalter für Männer und Frauen von 65 auf 67 zu erhöhen. Damit sollen die Folgen einer zunehmenden Überalterung der Bevölkerung begegnet werden: das Durchschnittsalter eines Australiers steht inzwischen bei knapp 82 Jahren. Experten begrüßten den Schritt.

Die nun vorgesehene Aufstockung auf 70 Jahre allerdings, und die Verlinkung der Berechtigung zur Rente zum Wert des Eigenheims – bisher tabu in einem Land mit einem überdurchschnittlich hohen Grad an Eigenheimbesitz – schüren die Emotionen. Zweifel am Realitätssinn der Architekten der Vorschläge werden immer lauter. Die Forderung nach Erhöhung des Rentenalters negiere die Tatsache, dass ältere Leute geringere Chancen haben, eine Stelle zu finden, meint Rafal Chomik, Altersforscher an der University of New South Wales. Zudem sei es „unfair“ von alten Menschen harte körperliche Arbeit zu verlangen.

Kommentare zu " Rente mit 70 in Down under: Australier arbeiten bis zum Umfallen"

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  • "Welche Lösung vom Grabbeltisch Urias001 bevorzugt, wird nicht klar"

    Wenn ich selbst eine Rentenreform vorschlagen darf, gelten folgende Prinzipien:

    - Keine Umverteilung zwischen den Generationen (Nach dem Motto: Die Nachwelt muss sehen, wie sie Nahles unfinanzierte Rentenversprechen einlösen will)

    - Möglichst hoher persönliche Vorsorgeanteil

    Diese Prinzipien haben nichts damit zu tun, das ich das geringste gegen gesellschaftliche Solidarität einzuwenden hätte. Der Knackpunkt ist stattdessen der demografische Wandel und die niedrigen Wachstumsaussichten:

    - Was wir heute nicht beiseite legen, kann auch die nächte Gerneration nicht mehr rechtzeitig beischaffen

    - Was der Einzelne nicht sicher hat, kann ihm die Solidargemeinschaft folglich auch nicht glaubwürdig versprechen

    Wie sieht so ein Modell in der Praxis aus? Man braucht nicht das libertäre Australien zu bemühen, denn u.a. die Skandinaven machen bereits vor, wie´s geht:

    Beispiel Dänemark: Hat schon Anfang der 90er das Rentensystem umgebaut. Heute ruhte es auf 3 Säulen:
    - Die öffentliche Rente (Folkepension): Ist nur auf Sozialhilfeniveau, weil die schrumpfende Anzahl der Jungen kaum mehr finanzieren kann.
    - Die tarifliche Rente (Arbejdsmarkedspension): Heute das Rückrat der Altersvorsorge. Zwackt bis zu 20% des Bruttolohns ab und garantiert Wohlstand im Alter für fast alle Arbeitnehmer.
    - Private Vorsorge: Vor allem was für höhere Einkommen. Wird mit Mass staatlich gefördert

    Was mit den schwächsten Gruppen?
    - Folkepension ist niedrig, aber relativ sicher, da gut finanziert
    - Die schwächsten bekommen ausserdem eine Zulage (FP-tillæg), die allerdings nicht als gesichert gilt. Reel ein wachstumsabhängiger Solidaritetszuschlag.

    Ausserdem hilft man den Schwächsten so: Mindestlohn her, Zeitarbeit wird rentenpflichtig, Tarifliche Rente für bestimmte Auszeiten (Mutterschutz, ALG 1)

    Richtig: Der Wohlstand von morgen kommt nicht gratis und von alleine. Deshalb wurmt es mich so, dass Frau Nahles so tut als ob.


  • @ Dipl.-Ing.

    und wenn die Haushälterin ihre 1.500.- Euro netto umsetzt, geht die Abzocke weiter, mit Verbrauchsteuern, 19 % Märchensteuer, allen Abgaben des Herstellers und der Lieferkette. Von Zwangsbeglückungen wie GEZ usw. gar nicht zu reden.
    Wenn der Staat ein freiwilliger Zusammenschluss freier Bürger sein soll, dann sollten wir dringend nachdenken, ob dieses Ideal erfüllt ist. Oder ist die derzeitige Organisationsform doch nur eine kostenoptimierte Nutzviehhaltung?

  • @ Urias001
    Da staune ich nur.
    Einerseits ist da eine recht forsche Selbstbehauptung von eigener Regie und eigenem Können, was zumindest bezweifelbar klingt, für mich sogar gedankenarm, und dann ist da die kuriose Formulierung: noch immer nicht verboten...
    Solche Geister legen das Fundament zu regulierten Entmündigung. Noch ein oder zwei zusätzliche Pflichtleistungen vom staatlichen Vormund, dann braucht es für die Allermeisten gar kein Verbot mehr. Freiheit muss man sich leisten können und zudem sich auch leisten wollen.
    Im allgemeinen Geningel und Gejammer ist dieses Wollen nicht mehr zu vernehmen. Probleme sind der Abstimmungsmasse zu anstrengend, lieber wird die wohlfeile Lösung genommen.
    Welche Lösung vom Grabbeltisch Urias001 bevorzugt, wird nicht klar.

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