Rentenzeitbombe
In Großbritannien kommt die Rente mit 68

Nicht nur in Deutschland wird über den Beginn des Rentenalters diskutiert. In Großbritannien müssen Arbeitnehmer zukünftig länger arbeiten und sollen dafür eine etwas großzügigere Rente erhalten. Kritiker werfen der Regierung vor, dass das Reformpaket nicht die Grundfehler des britischen Systems beseitigt.

LONDON. Die Briten müssen länger arbeiten, sollen dafür aber eine etwas großzügigere Rente erhalten. Dies ist die Essenz des Reformpakets, mit der Großbritannien seine „Rentenzeitbombe“ entschärfen will, nämlich die Aussicht, dass in Zukunft Millionen von Senioren von der Sozialhilfe leben müssen. Die private Altersvorsorge der Briten und die Leistungen von Betriebsrentenkassen sind drastisch zurückgegangen und haben eine Rentenlücke geschaffen, das Experten auf 60 Mrd. Pfund im Jahr ansetzen, rund fünf Prozent des BIP. „Wir haben nun eine wettbewerbsfähige, integrierte Grundlage für einen neuen und dauerhaften Konsens“, sagte Rentenminister John Hutton im Unterhaus. Premier Tony Blair nannte die Reform „stark, nachhaltig und bezahlbar“. Doch um die Bezahlbarkeit hatten er und Schatzkanzler Gordon Brown bis zuletzt heftig gestritten. Blair will die Reform nun durch möglichst schnelle Gesetzgebung als sein Vermächtnis absichern. Brown scheint eine langsamere Umsetzung vorzuschweben.

Kernstück der Reform ist das neue „National Pension Savings Scheme“ (NPSS). Das sind individuelle Sparverträge, die für Beschäftigte automatisch abgeschlossen werden. Rentenansprüche sind damit nicht verbunden, lediglich Kapital wird angespart. Arbeitnehmer können aus diesen Sparverträgen aber austreten. Wer mitmacht, zweigt vier Prozent seines Lohns in den Rententopf ab. Die Regierung hilft mit einem Prozent, die Arbeitgeber mit drei Prozent. „Diese Zwangsabgabe wird Unternehmen jährlich 2,3 Mrd. Pfund (3,3 Mrd. Euro) kosten und sie brauchen Hilfe bei der Bewältigung dieser Aufgabe“, kommentierte CBI-Generaldirektor Digby Jones. Über Hilfsprogramme für kleine Firmen dürfte nun gestritten werden. Doch wie die Gewerkschaften begrüßten die Unternehmer das NPSS. Unternehmen dürfte es den Ausstieg aus teueren Betriebsrenten erleichtern.

Die zweite, für Einkommensschwache wichtigere Säule, ist die Wiederanbindung der Staatsrente an die Lohnentwicklung. Unter den Tories wurden Renten Mitte der 80er Jahre von der Lohnentwicklung abgekoppelt; seither stiegen sie nur noch mit der allgemeinen Inflationsrate. Das hat ihren Wert stetig sinken lassen. Zur Zeit beträgt die Staatsrente maximal 84 Pfund (120 Euro) pro Woche. Ab 2012 sollen die Renten nun wieder schneller steigen und 2050 beim Doppelten des heutigen Wertes liegen. Dies soll die Zahl der Rentner, die dann auf Sozialhilfe angewiesen sind, auf 40 Prozent senken, nach dem heutigen System wären es 75 Prozent aller Rentner. Finanziert wird diese Rentenerhöhung mit dem stufenweisen Anstieg des Rentenalter auf 66 bis 2025, auf 67 bis 2034 und 68 bis 2044.

Scharfe Kritik kam von dem Labour Sozialpolitiker Frank Field. Kein heute lebender Rentner komme in den Genuss der versprochenen Erhöhungen. „Die Regierung macht Versprechen, die sie nie einlösen wird.“ Konservative kritisierten, dass die Anbindung an die Lohnentwicklung erst 2012 beginnen soll und nur, wenn sie „bezahlbar“ sei. „Man sieht hier die Fingerabdrücke von Gordon Brown“, so Tory Rentensprecher Philip Hammond.

Scharfe Kritik kam auch von den Liberaldemokraten. Ihr Sprecher betonte, die Grundfehler des britischen Systems seien nicht beseitigt: „Es ist immer noch zu kompliziert. Das bedeutet, dass Rentner massenhaft Anträge auf Sozialhilfe stellen müssen.“ Konservative dürften die Reform im Parlament unterstützen, bei der Gesetzgebung aber die vorsichtigen, Brownschen Elemente bekämpfen und Blair den Rücken stärken.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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