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Arsen und Dynamitstangen

Boliviens Präsident Evo Morales verstaatlicht Rohstoffbetriebe. Die Armut seiner Wähler wird das kaum lindern – ein Besuch in den Minen von Potosí.

POTOSI. Die Nasenschleimhäute füllen sich mit Staub. Der fahle Lichtschein der batteriebetriebenen Stirnlampe verliert sich im Dunkel eines Seitenstollens. Tief gebückt schreitet Daniel Cruz vorwärts ins Innere des Berges. Die dünne Luft in Boliviens 4 000 Meter hoch gelegener Silbermine in Potosí macht das Atmen schwer.

Daniel Cruz führt seine Gruppe bis auf die dritte Sohle unter Tage. Da der Stollen manchmal kaum 70 Zentimeter hoch ist, geht es nur noch kriechend vorwärts. Der Sauerstoffgehalt der Luft nimmt ab. Stechender Arsengeruch betäubt die Sinne.

Seit 500 Jahren wird hier im „Cerro Rico“, im „Reichen Berg“, Silber gefördert. Längst ähnelt er einem vom Holzwurm durchlöcherten Möbelstück. Immer wieder brechen Stollen ein, weil jemand eine neue Erzader entdeckt und dabei höher gelegene Gänge zum Einsturz bringt.

„Fast alle, die hier arbeiten, haben bei den Wahlen für Präsident Evo Morales gestimmt“, sagt Cruz, ein Ex-Bergmann, der mittlerweile für eine Reiseagentur arbeitet und durch die düsteren Minen führt, „jetzt hoffen sie, dass er sein Versprechen wahr macht und für bessere Verdienstmöglichkeiten sorgt.“

Sein erstes Versprechen hat Morales Anfang Mai eingelöst: Zum dritten Mal nach 1937 und 1969 verstaatlicht Bolivien seine Öl- und Gasvorkommen – zur großen Empörung ausländischer Unternehmen wie der brasilianischen Erdölgesellschaft Petrobas, der französischen Total und der spanischen Repsol YPF. Spaniens Premier José Luis Zapatero drohte Bolivien bereits mit einer Kürzung der Entwicklungshilfe. Heute kommt Morales nach Wien zum EU-Lateinamerika-Gipfel.

Bisher lässt Morales die ausländische Kritik kalt. Öl und Gas könnten sogar erst der Anfang sein, denn der Präsident denkt auch über die Verstaatlichung von Bodenschätzen wie Silber, Zinn, Zink und Eisen nach.

Wer aber die Minen Boliviens besucht, dem kommen Zweifel, ob es Morales ohne ausländisches Kapital gelingen kann, in seinem Land für Wirtschaftswachstum und mehr soziale Gerechtigkeit zu sorgen.

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