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Report aus Lampedusa: Warten auf den Abflug Nummer 1532

Auf Lampedusa harren noch immer mehr als Tausend Tunesier ihrem Schicksal. Sie wollen weiter Richtung Norden. Wie die gestrandeten Houssem, Belagcem und Wissem ihr Schicksal meistern.

Gestrandet in Lampedusa: Die Flüchtlinge Wissem. Belagcem und Houssem. Quelle: Katharina Kort
Gestrandet in Lampedusa: Die Flüchtlinge Wissem. Belagcem und Houssem. Quelle: Katharina Kort

LampedusaAuf den Planken liegt noch eine verblichene Steppdecke, neben den leeren Plastikflaschen und Zigarettenschachteln eine zerbrochene Taschenlampe. Es sind die Überbleibsel der Überfahrt, die diesen blau-weißen Holzkahn mit den arabischen Lettern am Bug von Tunesien in den Hafen von Lampedusa geführt hat. Heute prangt über dem Kabinenfenster ein weißes Schild mit lateinischen Lettern: "Dieses Schiff ist beschlagnahmt im Sinne des Artikels 354 des Strafgesetzbuches", steht dort für alle sichtbar. Ende einer Reise.

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Auf einem Kahn wie diesem sind auch Houssem, Belagcem und Wissem angelandet - drei junge Männer aus dem Süden Tunesiens. Gemeinsam sind sie vor sechs Tagen in Zarzis gestartet, gemeinsam sind sie vor fünf Tagen in Lampedusa gestrandet. 20 Stunden waren die drei Freunde mit insgesamt 68 Schicksalsgenossen auf hoher See Richtung Nordosten - und hatten Angst: die Wellen, die Nacht, rund um sie immer nur Meer, erinnern sie sich. Ein Meer, das an diesem Tag hier im geschützten Hafen freundlich blau in der Sonne glänzt, das aber in den vergangenen Tagen so stürmisch war, dass seit Donnerstag keine neuen Flüchtlinge mehr in Lampedusa angekommen sind.

"Wir wussten, dass unsere Chance 50/50 stand, lebend herüberzukommen", sagt Houssem, der zuvor auf Djerba im Hotel gearbeitet hat und Phrasen wie "Schmeckt es?" oder "Geht es Ihnen gut?" perfekt auf deutsch ausspricht. Auch sein Freund Belagcem arbeitete im Hotel. Doch beide wissen, dass mit dem politischen Chaos in ihrer Heimat in dieser Saison wohl kaum Jobs frei sein werden. Wissem, der nach der Schule ein Diplom für die Arbeit auf Ölplattformen erworben hat, findet schon seit seinem Abschluss vor zwei Jahren keinen Job. Sie hoffen nun auf eine Arbeit in Europa. Deshalb haben sie und ihre Familien jeweils knapp 2000 Euro zusammengekratzt, um die andere Seite des Mittelmeers zu erreichen: für die Überfahrt und für die ersten Tage in Europa.

Bis nach Lampedusa, dem Tor zu Europa haben sie es geschafft. Jetzt wollen sie weiter. Wissem und Belagcem wollen nach Frankreich. Schließlich wohnt Wissems Vater dort und auf Belagcem wartet die Freundin. Houssem geht überall hin, "Hauptsache, ich finde Arbeit", sagt der junge, aufgeweckte Mann und zieht energisch am Kragen seiner schwarzen Lederjacke. Aber erst einmal müssen sie weg aus Lampedusa.

Houssem holt einen Zettel aus seiner braunen Cargo-Hose: die Nummer 1532 steht da drauf. Die Nummer berechtigt ihn zu einer Schlafgelegenheit im Auffangzentrum und zu drei Mahlzeiten am Tag. Aber vor allem ist sie sein Abflugticket. Nach dem anfänglichen Chaos hat die italienische Polizei die Flüchtlinge aus Tunesien katalogisiert und fliegt sie nun nach und nach aus in andere Auffangzentren. Allein an diesem Samstag verlassen zwei Boeing-Maschinen mit jeweils hundert Personen an Bord die Insel. Auch der Ölfachmann Wissem zieht seine Nummer aus der Jeans-Tasche hervor: es ist die 1522 und er hofft, schon bald gemeinsam mit seinen Freunden fliegen zu können.

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