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Die Oberschicht flieht aus dem Irak

Der Morgen ist noch frisch. An der syrisch-irakischen Grenze geht es auf fünf Uhr zu. Im Osten, über der Wüste, ist ein erster heller Schimmer am Horizont zu sehen. An der Grenzstation Al Tanf, die nur aus fünf Häusern und zwei Schranken besteht und wo es im Umkreis von 250 Kilometern keine Stadt gibt, herrscht noch Ruhe.

AL TANF. Hinter dem Schlagbaum steht ein Chevrolet-Station-Wagen mit irakischen Kennzeichen, ein rotes Schild mit weißer, arabischer Schrift. Der junge syrische Grenzbeamte kontrolliert zum dritten Mal die Stempel seiner zwei Kollegen aus dem Hauptgebäude. „Willkommen in Syrien“, sagt er schließlich durch das Seitenfenster. Dann öffnet sich die Schranke, und der Fahrer gibt Gas. Nach hundert Metern hält das Fahrzeug wieder an. Die Beifahrertür öffnet sich. Ein Mann, Mitte 30, steigt aus. Unter seinem Arm hat er einen Gebetsteppich. Er rollt ihn hinter dem Auto auf den Asphalt in Richtung Süden aus, in Richtung Mekka, und betet: „Allahu akbar“, „Allah ist groß“.

Er bedankt sich viele Male bei seinem Gott, dass er und seine Familie es geschafft haben, die Höllenpassage bei Falludscha und Ramadi lebend passiert und den Irak gesund verlassen zu haben.

Dr. Mohammed Samir (Name von der Redaktion geändert) ist Arzt aus Bagdad. Er sagt, dass er mit seiner Frau und seinen drei Kindern fliehen wollte, fliehen musste. Sie flüchteten aus ihrer Heimat, weil sie es nicht mehr aushielten dort, weil das Leben einfach unerträglich geworden sei.

„Immer wieder hatten wir neue Hoffnung. Es ist ja schließlich unser Land. Das letzte Mal, als wir sagten, es wird jetzt bestimmt besser, war gleich nach der Wahl“, erinnert sich der junge Doktor. Aber als die Regierungsbildung fast vier Monate gedauert habe und nur noch um die Macht taktiert wurde, da sei ihm klar geworden, dass es wieder nichts werden würde. „Wir haben im Irak bürgerkriegsähnliche Zustände. Man weiß nicht mehr, wer sein Freund ist. Man weiß nur, dass jeder dein Feind sein kann“, sagt er und bittet: „Schreiben Sie meinen Namen nicht, und machen Sie keine Bilder von uns. Wir wollen ab hier von niemandem mehr erkannt werden. Wir haben zu viel durchgemacht.“

Samir arbeitete schon vor dem Krieg als Arzt im Krankenhaus des Bagdader Stadtteils Mansur. Nach dem Krieg setzte die US-Zivilverwaltung den Schiiten als Leiter der Notaufnahme im Hospital ein. Im letzten Jahr hatten 80 Prozent der eingelieferten Patienten Schuss- oder Splitterverletzungen. Rund um die Uhr flickten die Mediziner die Wunden des Terrors.

Weil Ärzte im Irak nach wie vor als wohlhabend gelten, wurde im letzten Oktober Samirs ältester Sohn entführt. Die Kidnappingindustrie ist beinahe die einzige Branche, die im Irak noch funktioniert. Die Entführer verlangten 200 000 Dollar. Der Arzt konnte das Geld bei einem Monatsgehalt von 1 200 Dollar unmöglich aufbringen. Die Polizei konnte ihm auch nicht helfen. Sie riet dem Vater zu Verhandlungen mit den Entführern. Nur so gäbe es eine Lösung.

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