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Die Präsidentin von Jamalara

Vor Massouda Jalal sitzen 1 000 Menschen und starren sie an. Sie mustern ein volles, ovales, konzentriertes Gesicht. Massouda Jalal trägt eine Burka, einen langen Kopfschleier, der nur Augen, Nase und Mund freilässt. Auch alle anderen Frauen an diesem Ort verhüllen sich mit der Burka und leiden unter der Mittagshitze von fast 40 Grad.

HB KABUL. Sie zupfen immer wieder an ihrem blauen Überwurf, um sich etwas Luft zu verschaffen. Aber als Massouda schließlich aufsteht und zum Rednerplatz geht, wird es still. Nur die Blätter der Akazienbäume sind zu hören, als ein leichter Windzug sie streicht. Massouda, die große Tochter, ist nach Hause gekommen – und das als Kandidatin für das höchste Amt im Staate Afghanistan.

17 Kandidaten fordern am 9. Oktober Hamid Karsai bei der Präsidentschaftswahl in dem geschundenen Land heraus. Massouda ist die einzige Frau unter ihnen. Und derzeit auf Wahlkampftour unterwegs.

Knapp vier Wochen vor den Wahlen ist sie nun wieder dort, wo sie herkommt: In Jamalara, in der Provinz Kapisar, drei Autostunden nordöstlich von Kabul. Hier wurde sie vor 41 Jahren geboren und hier will die Tadschikin jene Energie einatmen, die sie für die heiße Phase des Wahlkampfs braucht. Zu Hause ist sie und gleichzeitig tief in der Heimat von Junis Kanuni, einem ihrer ärgsten politischen Kontrahenten. Kanuni tritt für große Teile der ehemaligen Nordallianz an, die im Pandschirtal ihre stärkste Bastion hat. Hier leben viele der tadschikischen Kämpfer, die mit dazu beigetragen haben, dass das Taliban-Regime Geschichte ist. Hier will Massouda mit einem Programm punkten, in dem viel von Frieden die Rede ist.Und in dem die Umtriebe der „warlords“, der oft kriegstreiberischen Regionalfürsten, wenig Gnade finden.

„Ich bin die Garantie für Frieden“, spricht Massouda ins Mikrofon. „Weil ich als Einzige unabhängig bin.“ Es gibt dafür noch keinen Beifall, aber immerhin schon manch anerkennenden Blick aus dem Männerblock von Jamalara.

Die Männer, das ist am Hindukusch seit dem Krieg eine Minderheit. Heute sind zwei Drittel der vielleicht 25 Millionen Afghanen weiblich – und damit potenzielle Wählerinnen von Massouda. Natürlich weiß die erfahrene Kinderärztin, dass es so einfach nicht wird. Denn nur 42 Prozent der für die Wahl Registrierten sind Frauen. Und außerdem ist Massouda bewusst, dass gerade in Afghanistan die Macht stets auch zwischen den Clans verschachert wurde. „Wenn wir alle gleiche Chancen hätten, dann würde ich Präsidentin“, sagt sie und deutet an, was sie glaubt: dass die Wahlen eben nicht fair sein werden.

Als Favorit gilt Hamid Karsai. Hinter ihm stehen die internationalen Hilfsorganisationen und ihre Gelder in Milliardenhöhe. Und ein solches Pfund werden die Menschen nicht so einfach wegwerfen. Eines Wahlbetrugs bedürfe es für einen Sieg Karsais gar nicht, glauben deshalb viele Beobachter in Kabul.

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