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„Keiner lebt ewig“

Fidel Castro wird bald 80. Allerorten laufen die Vorbereitungen für die Zeit nach dem Revolutionsführer – auch und besonders intensiv in den USA.

HAVANNA. Jorge hat die Koffer schon gepackt – zumindest in Gedanken. „Ich will so schnell wie möglich weg aus Kuba“, sagt der 28-Jährige, der im Kaufhaus „La Época“ im Zentrum von Alt-Havanna Elektrogeräte verkauft. Jorge hat den linken Arm lässig auf eine Stereoanlage von Philips gestützt und lächelt zynisch. „Schönes Ding“, sagt er, während sein Blick über den Hi-Fi-Turm schweift. „Kostet 400 Euro. Bei meinem Gehalt kannst du das vergessen.“

Umgerechnet zehn Euro verdient der gelernte Ingenieur pro Monat. Eine Stereoanlage ist da unerreichbarer Luxus. Dennoch hat Jorge noch Glück: Seine Mutter hat in der US-Lotterie ein Visum gewonnen. Jetzt hofft er, ebenfalls bald ausreisen und seiner Mutter folgen zu können.

Wenn die 18-jährige Studentin Marialys an die Zukunft denkt, verdüstert sich ihre Laune: „Das Höchste, was ich erreichen kann, ist ein Durchschnittsverdienst von umgerechnet 15 Euro pro Monat.“ Und das trotz guter Noten: „Ich bringe eine Eins nach der anderen nach Hause“, sagt die zierliche Frau mit Flicken-Jeans und Pferdeschwanz.

Marialys studiert Betriebswirtschaft an der Universität von Havanna. Auf dem Campus, zwischen Lorbeerbäumen und Palmen, erzählt sie von ihrem Traum: „Ich will besser leben, mich gut anziehen und in andere Länder reisen.“

Zwei junge Kubaner, die die kargen Lebensbedingungen des Sozialismus satt sind. Zwei Menschen, die sagen, was ihnen nicht passt, und ein Schlaglicht werfen auf die Stimmung im Lande. Noch vor einigen Jahren galt offene Kritik an Staatschef Fidel Castro als undenkbar, der mit seiner Machtübernahme 1959 die sozialen Ungleichheiten von der Insel gefegt hatte. Doch jetzt bröckelt das Ansehen der einstigen Polit-Ikone. Ausgerechnet zu seinem absehbaren Ende schwenkt das Pendel um.

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