Report: Kritischer Journalismus in Dubai
Miezen zum Mittag

Im Wüstenstaat Dubai herrscht nicht nur eitel Sonnenschein. Zum Beispiel beim Thema Pressefreiheit: Einzig das Blatt „7Days“ berichtet auch über die Schattenseiten: Verstopfte Verkehrsadern, steigende Schulgebühren und gekochte Katzen. Eine Gratwanderung zwischen Medienfreiheit und Gehorsam.

DUBAI. Nichts liebt Ali Khaled mehr als zu provozieren. Lebhaftes Echo will er. Leserbriefe. Auch deshalb hebt er regelmäßig heiße Themen ins Blatt. Mit der Schlagzeile „Sie kochen Katzen“ über das Verzehren von Haustieren sorgte der leitende Redakteur des Sensationsblattes „7Days“ erst kürzlich viele Tage lang für Schlagzeilen. Die Redaktion der Zeitung im handlichen Tabloid-Format wurde mit emotionalen Leserbriefen geradezu überschwemmt.

In der Zeitungslandschaft, in der sich Khaleds Blatt bewegt, ist das keineswegs selbstverständlich. Denn „7Days“, das gratis verteilt wird, erscheint in einer Region, in der unter Medienleuten vorauseilender Gehorsam die Regel ist. Dabei herrscht in Dubai, im Wüstenstaat, nicht nur eitel Sonnenschein. Es gibt auch eine Menge Schattenseiten. Man muss nur genau hinschauen.

„Wir schreiben über alles, was die Ex-Pats beschäftigt, die hier leben“, sagt Khaled. Zu den Ex-Pats gehören auch die Arbeitskräfte aus dem indischen Subkontinent. Ihnen ergeht es offenbar besonders schlecht.

Viele Themen, die heute wie selbstverständlich in Khaleds Blatt kommen, wären vor ein paar Jahren der Zensur zum Opfer gefallen. Anders als bei lokalen Zeitungen üblich lächelt der Herrscher von Dubai nicht jeden Tag auf der 7Days-Frontseite. „Die Regierung lässt uns arbeiten“, sagt Khaled, „wobei wir natürlich für die Herausgabe unserer Zeitung eine Lizenz der Regierung benötigen.“ Das setzt der Pressefreiheit gewisse Grenzen.

Hartnäckig prangert das Blatt dennoch die chronisch verstopften Verkehrsadern oder die steigenden Schulgebühren an und holt damit pro Tag rund 150 000 Leser ab. So auch mit der Story über die streunenden Katzen, die in einem Arbeitscamp bei Jebel Ali im Kochtopf gelandet waren. Die Leser diskutierten nicht nur darüber, ob die Verspeisung der Miezen „abscheulich“ oder „kulturell verständlich“ sei. Viele machten dafür auch die unzumutbaren harten wirtschaftlichen Lebensbedingungen der Arbeiter – und damit indirekt die Regierung – verantwortlich.

Die Rechnung sei einfach, schrieb zum Beispiel Leserin Carla B. aus Dubai: Ein Arbeiter verdiene pro Tag 30 Dirham (6,2 Euro), wovon bloß ein Drittel zu seiner freien Verfügung stehe, nämlich umgerechnet rund zwei Euro. Damit könne er sich kein Putenfleisch (2,6 Euro), geschweige denn Rindfleisch (5 Euro) leisten. Katzenfleisch aber, so die Schreiberin, sei gratis – liege sozusagen auf der Straße.

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