Report
Woher der Wind weht

Auf dem Klimagipfel geht es jetzt um alles: Erfolg oder Scheitern. Wie es ausgeht, hängt stark von Aktivisten wie Regine Günther vom WWF ab. Sie treiben Politiker und Manager seit Jahren vor sich her. Ihr wichtigstes Argument: Menschen in Bombay, Venedig oder auf Samsø. Denn der Klimaschutz ist längst weltweit zum Wirtschaftsfaktor geworden.
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KOPENHAGEN/BOMBAY/VENEDIG/SAMSÖ. Mittwochmorgen, kurz vor zehn in Kopenhagen. Gleich wird ein ziemlich wichtiger Akteur auf der Klimakonferenz, Bundesumweltminister Norbert Röttgen, in einem tristen Besprechungssaal im "Bella Center" die Lage erörtern. Gibt es Bewegung? Was sagen die Amerikaner, was die Chinesen?

Aber ehe Röttgen spricht, redet jemand, der vielleicht noch wichtiger ist im globalen Klimapoker. Auf einmal steht sie da im Pulk der Wartenden. Braunes Kostüm, dunkle Stiefel, weiße Bluse. Dezent, elegant, seriös. Regine Günther weiß: Wer sich ereifert, überzeugt nicht. Sie spricht leise und eindringlich.

Und alle in Kopenhagen wissen, dass sie ihr zuhören sollten, und zwar mindestens so gut wie dem Umweltminister eines der größten Industrieländer der Welt. Was Regine Günther sagt, hat Gewicht.

Regine Günther ist Leiterin Klimaschutz und Energiepolitik beim World Wildlife Fund Deutschland. Sie ist weder gewählt worden, noch sitzt sie in einem Kabinett, sie kann weder Gesetze erlassen noch Verhandlungspartnern mit Entwicklungshilfe-Millionen Zusagen abkaufen. Doch wie viele andere Klimaaktivisten der ersten Stunde kennt sie Thema, Fallstricke und politische Tricks bei solchen Uno-Megakonferenzen fast besser als Minister, Präsidenten oder Wirtschaftsvertreter.

Klimakämpfer wie Regine Günther wissen: Ihr Thema zieht wie kaum ein zweites. Der Klimawandel gilt als die größte Bedrohung für den Lebenswandel der Menschheit. Deshalb schaut die Welt auf Kopenhagen. Mit der Ankunft von insgesamt 119 Staats- und Regierungschefs wie Barack Obama, Angela Merkel oder Wen Jiabao trat sie gestern in ihre entscheidende Phase.

Sicher, ohne die Großen der Weltpolitik wird es kein Abkommen geben. Aber die Nicolas Sarkozys oder Gordon Browns sind auch Getriebene - ebenso wie die meisten Vertreter der globalen Wirtschaft. Getrieben werden sie von Aktivisten wie Regine Günther. WWF, Greenpeace & Co. haben nicht nur seit langen Jahren Erfahrungen in der Klimapolitik. Sie sind global besser vernetzt als die Uno, und diese politische Schlagkraft verstehen sie einzusetzen - koordiniert, clever und, wenn es sein muss, kompromisslos.

Es ist kurz vor elf in Kopenhagen. Norbert Röttgen hat das Briefing beendet. Bis sieben Uhr in der Frühe wurde verhandelt, Röttgen leitet eine der wichtigsten Arbeitsgruppen der Konferenz. Der Minister eilt aus dem Saal, zwei Kameraleute heften sich an seine Fersen. Im Flur drängeln sich Delegierte und Journalisten. Es ist kein Zufall, dass Regine Günther wieder zur Stelle ist.

Interpretationshilfe ist gefragt. Ist Röttgens Hinweis, die EU stehe fest zu ihrem Ziel, die CO2-Emissionen um 30 Prozent zu reduzieren, wörtlich zu nehmen? Die WWF-Expertin weiß Rat. Da trifft es sich gut, dass die Organisation ihr Büro direkt gegenüber dem von Röttgens Delegation eingerichtet hat.

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