Reportage aus Tebnin Im Schmelztiegel zwischen Iran und Israel – So leben Flüchtlinge im Südlibanon

Zahlreiche Religionsgruppen leben im Südlibanon. Ausgerechnet hier durchbrechen Menschen die religiösen Grenzen, um sunnitischen Kindern zu helfen.
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Neun Zentren unterhält die NGO Alpha allein im Südlibanon, für 750 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sowie rund 300 ältere bis 14 Jahre.
Syrische Flüchtlingskinder in Tebnin

Neun Zentren unterhält die NGO Alpha allein im Südlibanon, für 750 Kinder zwischen zwei und fünf Jahren sowie rund 300 ältere bis 14 Jahre.

TebninAcht quietschfidele Kinder sitzen auf bunten Plastikstühlen an niedrigen Holztischen. Ihr improvisiertes Klassenzimmer ist mit Regalen zur großen Halle hin abgetrennt, in der es liegt. Die Erzieherin hält einen großen Farbfächer hoch: „Where is my orange, who gives me my orange?“ Ein Junge zeigt auf eine gelbe Fläche und wird gleich von einem Mädchen korrigiert: „No, that’s wrong, that’s yellow!“ Sie steht auf und tippt mit dem Finger auf das Spektrum: „That is Orange!“

Die Kinder sind erst vier Jahre alt, dafür sprechen sie überraschend gut Englisch. Noch frappierender: Wir sind nicht in einem Wohlstandsviertel, sondern im Süden des Libanons, in Tebnin. Die Kinder stammen alle aus syrischen Flüchtlingsfamilien, die hier leben. Den Unterricht organisiert eine libanesische NGO namens Alpha (Association Libanaise pour la Promotion Humaine et l’Alphabétisation)  die in dieser Region von UNICEF, Caritas und der Stiftung Sœur Emmanuelle unterstützt wird. 

Die meisten Kinder werden später an reguläre libanesische Schulen gehen, wenn sie dann noch hier sind. Wie in Europa wird auch hier der Druck stärker, die Flüchtlinge wieder nach Hause zu schicken – auch wenn es für viele von ihnen kein zu Hause mehr gibt. Knapp unter eine Million Syrer leben im Libanon, diesem winzigen Land mit nur 6,2 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die einem Drittel von NRW entspricht, davon ein großer Teil unbewohnbares Hochgebirge.

Es ist Mittag, nach und nach werden die Kinder mit einem Kleinbus zu ihren Familien gebracht. Alle sind sauber angezogen, haben Rücksäcke oder Taschen und lugen neugierig aus dem Bus heraus – eine Szene, wie man sie in jeder beliebigen deutschen Stadt erleben könnte.

Aber der Südlibanon ist anders. Das Land mit seinem Gemisch von Christen, Sunniten und Schiiten – neben den palästinensischen Flüchtlingen und kleineren Religionsgruppen wie den Drusen – war schon vor der Massenflucht der Syrer komplex, und der Süden ist noch einmal anders. Regierung, Hisbollah-Miliz und die UN-Truppen der UNIFIL versuchen hier mal gemeinsam, öfters auch gegeneinander das aufrechtzuerhalten, was jeder als Ordnung ansieht.

Bevor wir uns näher mit der Arbeit von Alpha beschäftigen können begleiten uns Salma, die das örtliche Büro der NGO leitet, und Marie-Claude zum Büro der libanesischen Staatssicherheit in der Stadtverwaltung. „Ohne Anmeldung könnte es Schwierigkeiten geben“, sagen sie eher beiläufig.

Für den Aufenthalt in der Nähe der Grenze zu Israel braucht man eine Sondergenehmigung. Einer der Geheimdienst-Mitarbeiter lässt sich die Pässe geben, redet ganz entspannt mit den beiden, will wissen, wer der Journalist ist und was er hier macht. Er muss sich mit seinen Vorgesetzten absprechen, die brauchen noch etwas Zeit.

Tebnin liegt auf einem Hügel, den eine Festung der Kreuzritter aus dem 13. Jahrhundert krönt. Das Dorf und die ganze Umgebung mit ihren Feldern und Olivenhainen strahlen Ruhe und Frieden aus. Doch vor zwölf Jahren wurde der Ort weitgehend zerstört. Die zunehmende Aufrüstung der schiitischen Hisbollah-Miliz durch den Iran und ständige Scharmützel nahm Israel 2006 zum Anlass für einen Krieg. Der endete mit einem Pyrrhus-Sieg: Heute ist die Hisbollah stärker denn je. In jedem Dorf des Südens prangen die Plakate ihrer Märtyrer, oft ausdruckslose Gesichter blutjunger Männer.

Die libanesische NGO Alpha wird im Süden des Landes von der Caritas und der Stiftung Sœur Emmanuelle unterstützt.
Alpha Mitarbeiter Salma Albert Nazek (r.)

Die libanesische NGO Alpha wird im Süden des Landes von der Caritas und der Stiftung Sœur Emmanuelle unterstützt.

Eigentlich dürfte die Miliz nicht bewaffnet sein, theoretisch liegt das Gewaltmonopol beim libanesischen Staat und seiner Armee. Die Realität ist etwas anders und sorgt nicht nur im Verhältnis zu Israel, sondern auch im Libanon selbst für Spannungen.

Das alles sind nicht die besten Voraussetzungen für die Arbeit mit syrischen Flüchtlingen. Doch wir verfolgen ein kleines Wunder: Das Team von Alpha, das wir in Tebnin kennenlernen, ist bunt gemischt. Manche Frauen sind verschleiert, andere nicht.

Der Chef von Alpha, mit dem wir aus Beirut gekommen sind, ist Albert Abi Azar, ein christlicher Pfarrer. Schiiten, Christen, nicht-religiöse Libanesen arbeiten zusammen, und das für sunnitische Syrer: Hier kooperieren Menschen der religiösen Gruppen, die sich wenige Kilometer weiter östlich die Schädel einschlagen.

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