Reportage
Das elende Erbe des Kim Jong Il

Nordkoreas verstorbener Diktator Kim Jong Il hat sein Land zu Grunde gewirtschaftet. Selbst winzige Reformen stießen bei ihm auf Argwohn. Eine Reise durch ein bitterarmes Land, dem die Perspektive fehlt.
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Nirgendwo wird der Unterschied zwischen dem verarmten Nordkorea und dem im Vergleich prosperierenden China deutlicher als an der Grenze beider Staaten. Die futuristische Skyline der chinesischen Grenzstadt Dandong glitzert in der Mittagsonne, während Nordkoreas Pendant auf der anderen Seite des Grenzflusses Yalu, Sinuiju, wie ein Gegenentwurf wirkt: Grau in Grau rahmen halbverfallene Betongebäude eine uralte Kirmes ein, die am Ufer vor sich hin gammelt. Nur ein Steinwurf voneinander entfernt, und doch erscheinen beide Länder wie zwei Welten.

„Mich erinnert Nordkorea sehr an das China Maos“, erklärt ein Geschäftsmann aus Shanghai, der im Zug von Peking nach Pjöngjang sitzt. Längst ist die Fahrt nach Nordkorea auch für Chinesen ein Trip ins realsozialistische Freilichtmuseum geworden. Das Regime um den verstorbenen Diktator Kim Jong Il wollte diese Seiten seines verarmten Landes  westlichen Ausländern am liebsten vorenthalten. Viele Besucher – erst recht Amerikaner, die nur direkt nach Pjöngjang fliegen, nicht aber den Zug nehmen dürfen – bleiben meist im „Schaufenster“ Nordkoreas, der vergleichsweise modernen Hauptstadt Pjöngjang.

Dort will sich Nordkorea im kommenden Jahr selbst feiern, wenn Kim Jong Ils Vater Kim Il Sung, laut Verfassung „ewiger Präsident“, 100 Jahre geworden wäre. Damit das Geburtstagsspektakel mit den typischen Paraden und Ausstellungen die eigene Bevölkerung überhaupt noch beeindrucken kann, braucht es Ausländer in der Stadt. Die nationale Fluggesellschaft „Air Koryo“ fliegt deshalb sogar ein paar Mal von Berlin nach Pjöngjang  – nach einem jahrelangen Verbot aus Sicherheitsgründen darf sie das mit ihren beiden neuen Tupolevs wieder.

Wer nur Pjöngjang sieht, könnte tatsächlich auf die Idee kommen, dem Land gehe es wirtschaftlich besser und die Menschen seien freier als noch vor ein paar Jahren. Im Vergleich zu früher fahren erstaunlich viele Autos auf den stalinistischen Prachtboulevards der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole. Man sieht mehr Menschen mit ihren Handys telefonieren, und auch das 337 Meter hohe „Ryugyong“-Hotel, das fast 20 Jahre lang als Bausünde die Stadt verschandelte, erstrahlt nun mit blauer gläserner Fassade.

Mit 3000 Zimmern sollte es einst das größte Hotel der Welt werden, bis dem „großen Führer“ 1991 das Geld ausging. Nun investiert die ägyptische Holding Orascom in den Weiterbau, die dafür die Erlaubnis von Kim Jong Il bekommen hat, das Handynetz „Koryolink“ aufzubauen und zu betreiben. Handys sind die absolute Neuheit auf Pjöngjangs Straßen und sicher auch ein Privileg der Mittelschicht, die der renommierte Korea-Forscher Rüdiger Frank von der Universität Wien auf eine halbe Million Menschen schätzt.

An den Bushaltestellen kleben sogar Werbeplakate, wo vorher nur Propagandasprüche standen. Nach Angaben Orascoms sind mehr als 430.000 Handyverträge verkauft worden – jetzt peilt das Unternehmen die Millionengrenze an.

Kommentare zu " Reportage: Das elende Erbe des Kim Jong Il"

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  • @peer: Der letzte Satz ist einfach super....!weiter so..

  • Grauenhaft, wie Land absinken kann, was von der großen Schwester nicht aufgefangen wurde. Denn auch Nord- und Südkorea waren kurz vor der Wiedervereinigung. Aber als die Südkoreaner gesehen haben, wie schwer das in Deutschland wurde, haben sie sich schnell wieder zurück gezogen.

    Uns sollte es aber aufzeigen,was aus der DDR ohne uns gworden wäre.

  • Da muß man sich gar nicht aufregen. Der Silvercoiner hat irgendwas Falsches geraucht.

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