Reportage
Der immer währende Traum vom goldenen Europa

Er ist einen Kopf kleiner als seine elegante, groß gewachsene Frau. Aber das stört Moustapha Amar genauso wenig wie die Tatsache, dass er nicht über den für Senegalesen typischen muskulösen Körper verfügt.

DAKAR. Der 36-Jährige ist schmal, seine tiefschwarzen Finger sind lang und dünn. Die Bombacha, die für das muselmanische Land typische weite Baumwollhose, und das lange Hemd, verdeckt seinen schmächtigen Körper. Im Senegal, wo ein Mix aus Ringen und Boxen Nationalsport ist, beeindruckt Amar mit anderen Stärken.

Der Muslim gehört zu den wenigen Auswanderern in Westafrika, die heimgekehrt sind und sich nun für die Entwicklung in der Heimat engagieren. Nach acht Jahren in Europa kehrte er 2000 in die Hauptstadt Dakar zurück, um von dort die Entwicklungshilfeprojekte der bekannten spanischen Flüchtlingsorganisation CEAR zu leiten. Und er gründet Ascode, einen Verein, der Hilfsprogramme speziell mit Geldern von emigrierten Senegalesen finanziert.

„Ich will damit erreichen, dass die Auswanderer in die Pflicht genommen werden, etwas für ihr eigenes Land zu tun und nicht nur an das Überleben der eigenen Familie zu denken“, sagt Amar. Er holt Filme und Fotoalben aus den Schubladen und zeigt stolz, was er schon alles mit dem Geld der Ascode-Mitglieder auf den Weg gebracht hat: Auf den Bildern sind neue Schulen mit Toiletten zu sehen und modernisierte Bauernhöfe. Seine Frau zeigt stolz die Räume, wo junge Männer, die bisher vor allem als fliegende Händler gearbeitet haben, am Computer sitzen und Frauen lernen, auf einer fußbetriebenen Singer-Maschine Kleider zu nähen.

Über Immigrantenorganisationen in Spanien, Frankreich und Italien sensibilisiert Amar seine Landsleute, er organisiert Konferenzen und leitet Diskussionsrunden. Auf 400 Mitglieder kann Ascode inzwischen bauen. „Wenn jemand von seinem Lohn nur ein paar Euro abzweigt, dann sind wir schon zufrieden“, sagt er.

Tatsächlich ist der Senegal das 20. ärmste Land der Welt. Das Pro-Kopf-Einkommen der rund elf Millionen Senegalesen beträgt kaum 600 Euro. Ein Grund, weshalb sich gerade wieder an einem einzigen Tag 162 Menschen aus Senegal auf den Weg zu den Kanarischen Inseln aufgemacht haben. Diese Flucht Richtung Norden erscheint wie ein nie abreißender Strom, da haben auch die Milliarden an Entwicklungshilfe, die in den vergangenen Jahrzehnten aus der EU in die Region südlich der Sahara geflossen sind, nichts geändert. Im Gegenteil: Nach Meinung der meisten Hilfsorganisationen ist die Situation nur noch schlimmer geworden. Es sind Tausende von Westafrikanern, die jährlich durch die Wüste bis an die Küste Algeriens und Marokkos aufbrechen, um von dort mit selbst gebauten Holzbooten Richtung spanisches Festland überzusetzen. Viele aber bleiben auch auf dem afrikanischen Kontinent hängen, oft in den spanischen Städten Ceuta und Mellila, wo sie oft wochenlang in Flüchtlingslagern hausen, ehe sie zurück in ihre Heimat gebracht werden.

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