Reportage Deutsches Genörgel demütigt stolze Spanier

José Antonio hat genug von seiner Regierung und der Dauerkrise. Wie Millionen Spanier bringt er Opfer - hoffend, dass die stolze Nation wieder aufersteht. Deutschland spielt dabei jedoch keine gute Rolle. Ein Ortsbesuch.
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Spanische Demonstranten in Madrid: „Noooo!!“ Quelle: AFP

Spanische Demonstranten in Madrid: „Noooo!!“

(Foto: AFP)

MadridJose Antonio ist schwer verstimmt. Der Vater eines zweijährigen Sohnes, Anfang Vierzig, Ingenieur und Funktionär, ist bei Nachbarn, Freunden und Verwandten als sehr hilfsbereiter, sehr korrekter und stets freundlicher Mensch bekannt. Doch seit Tagen macht er nur noch ein resigniertes, deprimiertes Gesicht. Seitdem Premier Mariano Rajoy letzte Woche die neuesten Gehaltskürzungen für spanische Beamte und Staatsangestellte angekündigt hat, genau genommen.

Der Madrilene hat die Nase gestrichen voll - von seinen Politikern, von den immer neuen Kürzungen, Steuererhöhungen, den immer neuen Versprechen dass der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise nun endlich erreicht ist oder kurz bevor steht – und davon dass Leistung und Engagement an seiner Arbeitsstelle nicht belohnt wird.

José Antonio ist einfach frustriert über sein Land, über die nicht enden wollende Krise, darüber dass es so weit kommen konnte das Spanien Rettungshilfe von der EU beantragen musste – und ein bisschen auch über das ewige Genörgel und Gemauere der Deutschen, die irgendwie das Gefühl zu haben scheinen sie würden als einzige zahlen in dieser Krise. Dabei geht es ihnen doch eigentlich so viel besser als den Spaniern oder Portugiesen, die pro Kopf ja praktisch genauso viel zu den Rettungspaketen beitragen wie die Deutschen, obwohl sie in einer schweren Rezession stecken.

Deutschland dagegen erfreut sich einer recht stabilen Konjunktur, extrem niedriger Arbeitslosigkeit und üppiger Sozialleistungen, die sogar mitten in der in der schweren Eurokrise noch weiter ausgebaut werden sollen (Stichwort Betreuungsgeld).

Bei dem Gedanken an die Abstimmung morgen im Deutschen Bundestag über das 100 Milliarden Rettungspaket an den spanischen Staat, der damit wiederum seine Sparkassen sanieren wird, verzieht José Antonio das Gesicht.

Es ist ihm peinlich, dass es so weit kommen musste, dass sein Land von den Euro-Partnern abhängig ist, obwohl Spanien natürlich auch an der eigenen Rettung beteiligt ist – über den spanischen Anteil am EU-Rettungsfonds und weil die Zins- und Tilgungslast des Kredits natürlich zunächst mal auf den Schultern des spanischen Steuerzahlers lastet. Was wenige Deutsche wissen: Ein Zahlungsausfall ist in Spanien ziemlich unwahrscheinlich, schreibt doch hier das Gesetz zur Schuldenbremse vor, dass der Schuldendienst Vorrang vor allen anderen Staatsausgaben.

Die Gehaltskürzungen treffen immer die Falschen
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  • Aaaaarmer Antonio! Verzichten auf Weihnachtsgeld? Ich, EU-Rentnerin, zahle auf € 1,000 28% Steuern in Schweden, bei MWst. 25%. Auf meinem ersparten Kapital von € 250,000 bekomme ich noch knappe 1% Zinsen, minus 30% Steuern. Dieser Ertrag sollte meine Rente verbessern, verliere aber seit der Krise min. € 5000 p.a. Mein Aktienpaket -60% seit der Krise. Würde er mit mir tauschen wollen? Die Spanier sind nicht zu stolz ausländische Rentner mit Erbsteuer von bis zu 81% zu belasten bei einer Ferienwohnung in Spanien, wenn ein Ehepartner wegfällt.

  • Veränderung wichtiger Kennzahlen 2001 - 2011
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    Löhne und Gehälter in der Volkswirtschaft: De +16,1% / Spa + 49,8%
    Löhne und Gehälter im öffentlichen Dienst: De +20,2% / Spa + 78,9%
    Staatliche Zahlungen für Sozialleistungen: De +14,5% / Spa +101,7%

    Die "Demütigung" Spaniens erfolgt also auf hohem Niveau.

    -----------------

    2011 lag das Haushaltsdefizit Spaniens bei 91,4 Milliarden. Für Zinsen zahlte das Land 25,9 Milliarden.

    Die Zinszahlungen werden jetzt allmächlich mehr, solange das Land billige alte Kredite mit teuren neuen refinanziert, und seine Gesamtverschuldung sich erhöht.

    Wobei die neuen Kredite natürlich deshalb teuer sind, weil Spanien ein primäres Haushaltsdefizit hat.

  • Ach, und wer hat die ganze Zeit über seine Verhältnisse gelebt? Wer hat in Deutschland und sonstwo seinen Urlaub verbracht, weil es zu Hause zu teuer war. Wer hat die Gelder aus den ganzen EU-Fonds eingestrichen, statt mit Tourismus Geld zu verdienen? Wer hat sich üppigste Sozialleistungen gegönnt? Wer hat nur 8% Mehrwersteuer bezahlt? Waren das nicht die Spanier? Jetzt wird gejammert, daß es zum Erbamen ist. Die Ärmel aufzukrempeln und mal nen Schlag zulegen, läßt sich wohl mit dem Stolz nicht vereinbaren, da wartet man lieber drauf, daß die Krise von allein vorübergeht. Wird sie aber nicht. Sie müssen schon mal von ihrem sehr hohen Roß runter. Und zum Thema Nörgeln: Das können sie wesentlich besser als die Deutschen, wie ich leidvoll erfahren mußte. Schuld sind immer die anderen, nie man selbst.

  • Die armen Spanier die nach Ablauf des ALG nur € 400,00 bekommen?? Im schönen Deutschland gibts da weniger! Die achso schlimme Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes um 3% mussten wir ebenfalls vor einigen Jahren schlucken! Es gibt mit Sicherheit große Misstände in Spanien (Jugendarbeitslosigkeit etc.) allerdings sind die in diesem Artikel aufgeführten Beispiele doch nichts was den "achso reichen Deutschen" unbekannt ist.

  • 1. Der Funktionär ist ein "functionario", was auf Deutsch ein Beamter ist, wie e es später auch richtig heisst.
    2. Senor Antonio benennt ja selbst die Schwachstellen im ClubMEd: ein überbordender öffentlicher Sektor, den wir auch als eine jahrelange verdeckte Arbeitslosigkeit bewerten dürfen. Was er vergisst, ist die einlullende Wirkung dieser Versorgungsposten: Geld gibts auch, wenn man nix leistet.
    3. Wie Griechenland ist gerade Spanien ein Beispiel, wie weit entfernt die Politker von der Bürgern sind. Wer persönliche Kontakte zu Griechen und/oder Spaniern hat, weiss doch, wie diese Länder funktionieren. In Spanien zB. ist nicht nur der Hausbesitz eine schuldenfinanzierte Blase, ein Grossteil der sogenannten Konsumgüter ist kreditfinanziert. Wer dagegen mit treudoofer deutscher Solidität argumentierte, erntete nur verständnislose Blicke.

  • Das ist ein mieser tendenziöser Meinungsartikel. Klar wir sind an allem Schuld.

    "Was viele D nicht wissen ..." Quatsch, Gesetze lassen sich ändern oder nicht einhalten.

    Die Spanier sollten aus dm Euro austreten. Er bringt ihnen nur Nachteile, weil wir sie ausbeuten bis aufs Blut. Wenn sie das nicht ändern: Selbst schuld, aber hört auf zu jammern!

  • @Illoinen

    Das kann man so sehen, muss es aber nicht. Wenn Deutschland Handelsüberschüsse hat, so ist das bei allem Verständnis für die Defizitländer nicht Deutschlands Schuld. Es gehen ja nur ca. 40% der Exporte in den Euroraum.
    Der ClubMed einschl. Frankreich muss halt eine intelligente Politik betreiben um selber exportieren zu können. Nehmen wir Italien. Der Norden Italiens ist sehr gut aufgestellt. Kann ohne weiteres mit Deutschland mithalten. Aber, aber der Süden. Das ist das Problem. In Spanien sieht es doch ähnlich aus. Frankreich ist doch in Wirklichkeit ein Agrarland. Industriell hat Frankreich doch nicht viel zu bieten. Ist das Deutschlands Schuld?
    Natürlich ist das ganze auch eine Mentalitätsfrage. Griechenland kann mit Simbabwe eine ein Währungsunion eingehen, Deutschland, Finnland u. die Niederlande mit Japan oder Canada, aber nicht mit dem ClubMed. Italien ohne den Süden würde auch gut dazu passen. Man kann doch nicht zusammen kloppen was nicht zusammen passt, aber das wurde gemacht. M.M. nach wäre ein Nord- und ein Südeuro vielleicht die beste aller schlechten Lösungsmöglichkeiten. Zum Schluss die Frage: Warum klappt das alles im Norden und seit Generationen nicht im Süden?

  • Schubladendenken erleichtert einem zugegebenermaßen das Leben; Fakten zu recherchieren, Vorurteile auf den Prüfstand zu stellen und zu differenzieren, kostet schließlich Zeit und Mühe. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Kommentatoren der Eurokrise oftmals lediglich zwei große Schubladen öffnen. Auf der einen Seite gibt es den „Club Med“, der mindestens Griechenland, Portugal, Spanien und Irland, oft auch Frankreich umfasst und der das Geld der anderen möchte. Und auf der anderen Seite gibt es die "soliden" Nordeuropäer oftmals inklusive Irland, die zwar auch irgendwie in der Klemme Stecken, doch nach allgemeiner Aussage auf einem guten Weg sind. Die Funktionsfähigkeit der Währungsunion wird so zu einer Mentalitätsfrage, mit dem Dolce Vita und Savoir Vivre der Südländer sei einfach keine gemeinsame Währung möglich. Insbesondere für Spanien und Italien, die mit Abstand größten Volkswirtschaften in Europas Süden sprechen die Zahlen jedoch eine ganz andere Sprache

  • Was für eine Stammtisch Propaganda!

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